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ZUE Herne: Ortstermin als Placebo für die Politik und die Angst vor dem eigenen Volk

Die ZUE Herne wird erklärt, aber nicht wirklich diskutiert – und genau das ist das Problem

Stefan Budde-Siegel von Stefan Budde-Siegel
16.03.2026, 22:19 Uhr
Lesezeit: 8 Minuten.
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Architekturmodell der neuen ZUE in Herne.

Bildnachweis/Rechtekette: Symbolbild: © SN SONNTAGSNACHRICHTEN 2026

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Herne. [sn] Die Stadt Herne lädt nach heftiger Kritik nun also doch zu einem Ortstermin an der Südstraße 48 ein, und schon die Form dieser Einladung verrät mehr über den Zustand der Debatte als jede spätere Presseerklärung. Eingeladen sind die Mitglieder des Rates, die Mitglieder der Bezirksvertretung Herne-Mitte und die Bezirksbürgermeister:innen, also genau jener politisch kontrollierte Kreis, der nach den öffentlichen Vorwürfen beruhigt werden soll. Nicht die Stadtgesellschaft, nicht die breitere Nachbarschaft, nicht die kritische Öffentlichkeit, sondern ein klar begrenzter, persönlich geladener und laut Einladung ausdrücklich nicht vertretbarer Kreis soll sich am 23.03.2026 um 15:30 Uhr vor Ort „aus erster Hand“ informieren lassen. Das kann man höflich einen späten Nachsteuerungsversuch nennen. Man kann es aber auch unhöflicher und näher an der Wirklichkeit als politisches Beruhigungsmittel beschreiben. Denn die Einladung kommt nicht in einer Phase souveräner Transparenz, sondern nach einer Serie von Kommunikationspannen, Vorwürfen und offenkundigem Vertrauensverlust.

Eine Reaktion auf die schwere politische Kritik.

Wer zugleich weiß, dass die Bezirksregierung und die Stadt noch am 11.02.2026 öffentlich erklärt hatten, Verantwortungsträger:innen, Anwohner:innen und Stadtgesellschaft „transparent und proaktiv“ informieren zu wollen, erkennt den Widerspruch sofort: Transparenz sieht anders aus. Transparenz wäre eine offen angekündigte, inhaltlich vorbereitete und wirklich zugängliche Veranstaltung gewesen. Was jetzt stattfindet, ist eher eine nachgereichte Sichtung des Geländes für diejenigen, die man nicht länger vor den Kopf stoßen möchte. Die schärfste Lesart lautet deshalb:

Angst vor dem eigenen Volk.

Die nüchternere, aber kaum freundlichere Lesart lautet: Angst vor einer unkontrollierten politischen Öffentlichkeit. Beides ist für eine Stadtspitze kein schmeichelhaftes Zeugnis. Dass ausgerechnet nach der früheren Informationsveranstaltung, bei der Medien keinen Zutritt hatten und Mandatsträger:innen zunächst nicht einmal vorgesehen waren, nun ein gesonderter Ortstermin für kommunale Funktionsträger:innen folgt, verschärft diesen Eindruck eher, als dass er ihn entkräftet. Wer erst abschottet und dann ausgesuchte Kreise nachlädt, betreibt keine offene Debatte, sondern Schadensbegrenzung.

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Das Gelände ist nicht das Problem, die Rechts- und Machtfrage ist es

Man muss es deutlich sagen: Ein Ortstermin ersetzt weder Recht noch Politik. Er beantwortet keine der entscheidenden Fragen, die seit Wochen im Raum stehen. Öffentlich fest steht bislang nur, dass die Eigentümerin für das Grundstück Südstraße 48 eine Bauvoranfrage für Umbau, Nutzungsänderung und Neubau gestellt hat, dass die Stadt diese Bauvoranfrage als „rechtlich nicht zu beanstanden“ bewertet und einen positiven Bauvorbescheid erteilt hat und dass nach Darstellung der Stadt der eigentliche Bauantrag erst noch folgen soll. Genau daraus ergibt sich aber gerade kein Zustand rechtlicher Endgültigkeit, sondern das Gegenteil: Das Projekt steht noch immer in einem Stadium, in dem die entscheidenden Prüfungen nicht durch einen Besichtigungstermin erledigt werden können. Hinzu kommt der planungsrechtliche Kernkonflikt. Das Grundstück liegt im Gewerbegebiet, und ein Gewerbegebiet dient nach § 8 Baunutzungsverordnung (BauNVO) vorwiegend der Unterbringung von Gewerbebetrieben. Anlagen für soziale Zwecke sind dort nicht der selbstverständliche Normalfall, sondern nur in besonderen Konstellationen überhaupt denkbar. Wer das nachlesen möchte, findet einen ersten Überblick im Wikipedia-Artikel zur Baunutzungsverordnung; entscheidend ist aber nicht die populäre Einordnung, sondern die amtliche und gerichtsfeste. Genau deshalb ist die Frage, auf welchen Rechtsweg sich Stadt und Land hier konkret stützen, keine Nebensache, sondern der juristische Nerv des ganzen Projekts. Die offizielle Pressemitteilung des Landes verweist einerseits auf den positiven Bauvorbescheid, andererseits zugleich darauf, dass die Stadt den Bauantrag erst noch erwartet. Das ist kein Detail, sondern eine Warnlampe. Denn wenn für eine ZUE im Gewerbegebiet Sonderregelungen, Ausnahmen oder Befreiungen nach Baugesetzbuch überhaupt erst bemüht werden müssen, dann ist das Projekt nicht „einfach zulässig“, sondern nur unter besonderen Voraussetzungen tragfähig. Genau diese Voraussetzungen müssen offengelegt, geprüft und politisch diskutiert werden. Ein Ortstermin mit Verwaltungsspitze und Bezirksregierung kann das nicht leisten. Er kann nur Eindrücke produzieren: Geländegröße, Gebäudebestand, Zuwegung, Nachbarschaft. Die eigentliche Auseinandersetzung bleibt dagegen auf Aktenebene. Wer dort eine sauberere Einordnung sucht, landet zwangsläufig bei der Bezirksregierung Arnsberg, beim Bauordnungsrecht und bei der Frage, ob der politische Satz „die Stadt kann da nichts machen“ vielleicht vor allem deshalb so beliebt ist, weil er Verantwortung elegant auslagert. Genau hier beginnt der placebohafte Charakter dieser Veranstaltung: Sie soll Nähe und Ernsthaftigkeit signalisieren, beantwortet aber weder die Gebietsfrage noch die Verfahrensfrage noch die Befreiungsfrage. Politik bekommt einen Termin, aber nicht zwingend schon die Wahrheit.

Warum der Ortstermin nach Bäumen, Bußgeld und Entlastungsnarrativ so unerquicklich wirkt

Der schlechte Eindruck entsteht nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit allem, was vorher schon schiefgelaufen ist. Dazu gehört vor allem der inzwischen öffentlich bestätigte Kahlschlag auf dem Areal: 31 geschützte Bäume wurden ohne Genehmigung gefällt. Dass darüber hinaus geprüft wird, ob eine Sanktion verhängt wird, macht den Vorgang nicht kleiner, sondern größer, denn damit steht im Raum, dass ausgerechnet bei einem politisch und rechtlich sensiblen Vorhaben bereits Tatsachen geschaffen wurden, bevor die Debatte auch nur halbwegs geordnet geführt ist. Hinzu kommt das zweite große Narrativ, mit dem das Projekt verkauft wird: die Entlastung der Stadt. Tatsächlich erklärt die Bezirksregierung, dass bei einer Landeseinrichtung die dort vorgehaltenen Unterbringungsplätze von der berechneten Aufnahmeverpflichtung der Kommune abgezogen werden; das Land Nordrhein-Westfalen hat die 1:1-Anrechnung politisch sogar ausdrücklich als Akzeptanzinstrument beworben. Genau deshalb ist es zu billig, jetzt nur Gelände zu zeigen, statt zugleich offen zu sagen, wann, wie und in welchem Umfang diese Rechnung für Herne real tragen soll. Wer die kommunal- und baurechtlichen Hintergründe vertiefen will, findet dafür im Amazon-Titel (bezahlter Link) Kommunalrecht des Landes Nordrhein-Westfalen einen brauchbaren Einstieg; politisch entscheidend ist aber etwas anderes. Eine Stadt, die erst exklusiv informiert, dann nach Kritik einen beschränkten Ortstermin für Mandatsträger:innen organisiert und parallel die Öffentlichkeit mit dem Versprechen von Entlastung beruhigen will, produziert den Eindruck eines eingehegten Diskurses. Genau daraus speist sich die zugespitzte Frage nach der Angst vor dem eigenen Volk. Gemeint ist damit nicht Furcht vor Bürger:innen als Personen, sondern Furcht vor offener, unkontrollierter und widersprüchlicher Debatte. Wer sich der eigenen Linie sicher ist, braucht keinen kommunalpolitischen Beruhigungsspaziergang, sondern eine öffentliche Veranstaltung mit echter Fragemöglichkeit, offengelegter Rechtsgrundlage und vollständiger Aktenklarheit. Solange das nicht geschieht, bleibt dieser Termin das, wonach er aussieht: kein demokratischer Befreiungsschlag, sondern eine placebohafte Nachbehandlung für aufgebrachte Lokalpolitik. Wer die weitere politische Einordnung der Affäre verfolgen will, findet sie in der Rubrik Politik der SN SONNTAGSNACHRICHTEN. Mehr braucht es im Moment nicht – nur endlich weniger Inszenierung und mehr Substanz.


Häufig gestellte Fragen

Worum geht es im Artikel „ZUE Herne: Ortstermin als Placebo für die Politik und die Angst vor dem eigenen Volk“?

Herne. [sn] Die Stadt Herne lädt nach heftiger Kritik nun also doch zu einem Ortstermin an der Südstraße 48 ein, und schon die Form dieser Einladung verrät mehr über den Zustand der Debatte als jede spätere Presseerklärung. Eingeladen sind die Mitglieder des Rates, die Mitglieder der Bezirksvertretung Herne-Mitte und die Bezirksbürgermeister:innen, also genau jener politisch kontrollierte Kreis, der nach den öffentlichen Vorwürfen beruhigt werden soll.

Was erläutert der Artikel zu „Das Gelände ist nicht das Problem, die Rechts- und Machtfrage ist es“?

Man muss es deutlich sagen: Ein Ortstermin ersetzt weder Recht noch Politik. Er beantwortet keine der entscheidenden Fragen, die seit Wochen im Raum stehen. Öffentlich fest steht bislang nur, dass die Eigentümerin für das Grundstück Südstraße 48 eine Bauvoranfrage für Umbau, Nutzungsänderung und Neubau gestellt hat, dass die Stadt diese Bauvoranfrage als „rechtlich nicht zu beanstanden“ bewertet und einen positiven Bauvorbescheid erteilt hat und dass nach Darstellung der Stadt der eigentliche Bauantrag erst noch folgen soll.

Warum der Ortstermin nach Bäumen, Bußgeld und Entlastungsnarrativ so unerquicklich wirkt?

Der schlechte Eindruck entsteht nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit allem, was vorher schon schiefgelaufen ist. Dazu gehört vor allem der inzwischen öffentlich bestätigte Kahlschlag auf dem Areal: 31 geschützte Bäume wurden ohne Genehmigung gefällt. Dass darüber hinaus geprüft wird, ob eine Sanktion verhängt wird, macht den Vorgang nicht kleiner, sondern größer, denn damit steht im Raum, dass ausgerechnet bei einem politisch und rechtlich sensiblen Vorhaben bereits Tatsachen geschaffen wurden, bevor die Debatte auch nur halbwegs geordnet geführt ist.

Welche Folgen oder weiteren Entwicklungen nennt der Artikel?

Wer zugleich weiß, dass die Bezirksregierung und die Stadt noch am 11.02.2026 öffentlich erklärt hatten, Verantwortungsträger:innen, Anwohner:innen und Stadtgesellschaft „transparent und proaktiv“ informieren zu wollen, erkennt den Widerspruch sofort: Transparenz sieht anders aus. Transparenz wäre eine offen angekündigte, inhaltlich vorbereitete und wirklich zugängliche Veranstaltung gewesen. Was jetzt stattfindet, ist eher eine nachgereichte Sichtung des Geländes für diejenigen, die man nicht länger vor den Kopf stoßen möchte.

Was ist für die Einordnung des Themas besonders wichtig?

Die nüchternere, aber kaum freundlichere Lesart lautet: Angst vor einer unkontrollierten politischen Öffentlichkeit. Beides ist für eine Stadtspitze kein schmeichelhaftes Zeugnis. Dass ausgerechnet nach der früheren Informationsveranstaltung, bei der Medien keinen Zutritt hatten und Mandatsträger:innen zunächst nicht einmal vorgesehen waren, nun ein gesonderter Ortstermin für kommunale Funktionsträger:innen folgt, verschärft diesen Eindruck eher, als dass er ihn entkräftet.

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Stefan Budde-Siegel

Stefan Budde-Siegel (* 1971) schreibt u. a. für die SN SONNTAGSNACHRICHTEN, verschiedene Blogs und Fachzeitschriften zu Recht, Verwaltung, Architektur, Brandschutz und sicherheitsrelevanten Themen. Er arbeitet redaktionell, fachlich und technisch an der Schnittstelle von Praxis, Behördenumfeld und öffentlicher Kommunikation. Seine Beiträge konzentrieren sich auf nachvollziehbare Einordnung, dokumentierte Sachverhalte und eine klare, verständliche Darstellung komplexer Zusammenhänge. WHATSAPP | TELEFON | E-MAIL

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