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Besorgte Bürger vor dem St. Anna Hospital in Wanne-Eickel diskutieren über die Schließung der Geburtshilfe ab 2030.

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Geburtshilfe Wanne-Eickel: 2030 wird wohl der letzte Wanne-Eickler geboren

Geburtshilfe Wanne-Eickel: Wie Politik und Kirche eine Stadtidentität opfern

Stefan Budde-Siegel von Stefan Budde-Siegel
11.12.2025
Lesezeit: 7 Minuten.
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Besorgte Bürger vor dem St. Anna Hospital in Wanne-Eickel diskutieren über die Schließung der Geburtshilfe ab 2030.

Bildnachweis/Rechtekette: Symbolbild: © 2025 SN SONNTAGSNACHRICHTEN

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Herne/Paderborn/Wanne-Eickel. [sn] Die frohe Botschaft aus der Öffentlichkeitsarbeit klingt harmlos: Die Geburtshilfe im St. Anna Hospital Herne schließe natürlich nicht, sie werde nur gemeinsam mit der Frauenklinik des Marien Hospital Herne an einem Standort „neu aufgestellt“, Kompetenzen würden gebündelt, das Angebot werde erweitert, alles werde moderner und schöner. Bis voraussichtlich 2030 könne man selbstverständlich weiterhin wie gewohnt im St. Anna Hospital entbinden, beruhigt die St. Elisabeth Gruppe in ihren eigenen „Häufigen Fragen zur Neuaufstellung der Geburtshilfe“. Danach soll ein neuer Anbau am Marien Hospital Herne die gesamte Herner Geburtshilfe aufnehmen – der Kreißsaal in Wanne-Eickel verschwindet.

Wer das PR-Deutsch ins Deutsche übersetzt, landet bei einem nüchternen Befund: In Wanne-Eickel wird es ab 2030 keinen klinischen Kreißsaal mehr geben. Die Gruppe selbst formuliert es im FAQ bemerkenswert offen. Auf die Frage, ob „Geboren in Wanne-Eickel“ künftig noch möglich sei, heißt es wörtlich, ab 2030 werde es „aufgrund der Neuaufstellung nicht mehr möglich sein, direkt in Wanne-Eickel zu entbinden“, Wanne-Eickeler sei man „eher im Herzen“.

Das ist sachlich korrekt und zugleich entlarvend: Juristisch ist Wanne-Eickel seit 1975 in Herne aufgegangen, in jeder Geburtsurkunde steht ohnehin „Herne“. Aber bis 2030 gibt es zumindest noch einen realen Ort in Herne-Wanne, an dem Kinder das Licht der Welt erblicken. Danach bleibt vom „Geboren in Wanne-Eickel“ vor allem Folklore – und ein Satz in einem FAQ, der die Degradierung einer gewachsenen Stadtidentität zu einem bloßen „Gefühl im Herzen“ fast zynisch zusammenfasst.

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Was die „Neuaufstellung“ der Geburtshilfe konkret bedeutet

Hinter den weichgespülten Formulierungen steht eine klare, für Außenstehende erstaunlich wenig kommunizierte Entscheidung über die Daseinsvorsorge in einem Stadtteil mit eigener Geschichte. Die Fakten lassen sich problemlos strukturieren:

  1. Bis etwa 2030 finden Geburten der St. Elisabeth Gruppe in Herne weiterhin im St. Anna Hospital in Wanne-Eickel statt.
  2. Parallel plant die Gruppe einen Neubau für die Geburtshilfe am Marien Hospital Herne in Herne-Mitte, der um 2030 fertig sein soll.
  3. Nach dem Umzug werden sämtliche Herner Klinikgeburten der Gruppe im Marien Hospital Herne konzentriert – in Wanne-Eickel bleibt kein Kreißsaal.
  4. Schon seit 1974 führen die Geburtsurkunden nur noch „Herne“; mit der Schließung der Geburtshilfe in Wanne-Eickel verschwindet auch der letzte reale Geburtsort auf Wanne-Eickeler Boden.

Aus Sicht der Versorgungsforschung ist die Sache zunächst unspektakulär. Die Entfernung von Wanne-Eickel nach Herne-Mitte ist überschaubar, die Fahrzeiten liegen weit unter den 30 bis 40 Minuten, die Fachgesellschaften und Gutachten als kritische Grenze für den Zugang zur Geburtshilfe diskutieren.

Es handelt sich nicht um eine strukturschwache ländliche Region, in der werdende Eltern tatsächlich eine halbe Stunde oder länger bis zur nächsten Klinik unterwegs sind. Der Umbau fügt sich in einen bundesweiten Trend: Weniger Standorte, größere Einheiten, vermeintlich effizientere Betriebsstrukturen. Dass diese Logik nicht aus dem luftleeren Raum kommt, belegen etwa die Positionierungen des Gemeinsamen Bundesausschusses und der Fachgesellschaften, die seit Jahren auf Qualitätsanforderungen, Mindestmengen und Personalengpässe in kleinen Geburtshilfen hinweisen.

Problematisch wird es dort, wo die nüchterne Krankenhausplanung auf die Identität eines Stadtteils trifft, dessen Bewohner:innen sich selbst nach fast fünf Jahrzehnten Eingemeindung nicht einfach als „Herner:innen“ begreifen, sondern als Wanne-Eickler:innen – mit eigenem Hauptbahnhof, eigener Geschichte und einem Kultstatus, der bis in Schlagertexte reicht.

Während die St. Elisabeth Gruppe in ihrem FAQ betont, die bewährte Versorgung werde bis 2030 unverändert fortgeführt und dann in „neuen, modernen Räumlichkeiten“ sogar erweitert, erleben viele Wanne-Eickler:innen die Entscheidung eher als stillen Schlussstrich unter die medizinische Eigenständigkeit ihres Stadtteils. Und das vor dem Hintergrund einer ohnehin schwelenden Debatte um die Umbenennung des traditionsreichen „Wanne-Eickel Hauptbahnhof“ in „Herne-Wanne-Eickel Hauptbahnhof“, die bereits als Versuch gelesen wird, den Namen Wanne-Eickel auch aus der Verkehrsinfrastruktur zu verdrängen.

Wer hier entscheidet: Ein kirchlicher Gesundheitskonzern mit starken Zahlen

Wenn eine Stadtteil-Geburtshilfe fällt, stellt sich die Frage, wer diese Entscheidung verantwortet – in politischer, finanzieller und moralischer Hinsicht. Träger der Häuser in Herne und Witten ist die St. Elisabeth Gruppe – Katholische Kliniken Rhein-Ruhr GmbH, ein Gesundheitskonzern mit fünf Krankenhäusern, mehr als 1.500 Planbetten und einer Vielzahl weiterer Einrichtungen vom Rheumazentrum bis zur Hospizversorgung.

Laut einer aktuellen Analyse der Fachzeitschrift „kma“ steigerte die Gruppe ihren Umsatz im Geschäftsjahr 2023 um 12,7 Prozent auf 692,1 Millionen €, erwirtschaftete ein EBITDA von 55,3 Millionen € und verfügt über liquide Mittel von 111 Millionen €.

Das ist keine Klinik am Rande der Insolvenz, die verzweifelt Standorte schließen müsste, um zu überleben, sondern ein wirtschaftlich kerngesunder Konzern, der seine Ergebnisqualität nach eigenen Angaben gezielt steigern will – ausdrücklich mit Blick auf Investitionskraft und Zukunftsfähigkeit.

Noch spannender wird es, wenn man sich die Eigentümerstruktur anschaut. Nach der im Handelsregister hinterlegten Gesellschafterliste wird die St. Elisabeth Gruppe ausschließlich von kirchlichen Akteur:innen getragen: maßgeblich durch die Pfarrei St. Christophorus in Wanne-Eickel, die Katholische Kirchengemeinde St. Marien in Witten, die St. Elisabeth Stiftung Herne und die Cura gemeinnützige Beteiligungsgesellschaft mbH. Cura wiederum gehört zu 100 Prozent der Schleden’schen Stiftung in Paderborn, ebenfalls einer kirchlichen Stiftung. Die Gruppe ist damit vollständig in katholischer Hand, mit einem Schwerpunkt der Einflussnahme im Bistum Paderborn.

Der Blick in dieselben Unterlagen zeigt nebenbei, wie weit entfernt von Wanne-Eickel manche Entscheidungen über die Daseinsvorsorge in Wanne-Eickel tatsächlich getroffen werden: Nicht der Rat der Stadt Herne beschließt über die Neuaufstellung der Geburtshilfe, sondern ein kirchlicher Klinikverbund, der zwar im kommunalen Beteiligungsbericht der Stadt Herne als Partner in verschiedenen Kontexten auftaucht, aber auf der Ebene des Krankenhausbetriebs keinem kommunalen Weisungsrecht unterliegt.

Offiziell lautet die Begründung für Klinikzusammenlegungen bundesweit: Fachkräftemangel, Qualitätsvorgaben, Investitionsdruck. Dass Personal- und Qualitätsdebatten in der Geburtshilfe real sind, belegen u. a. die Daten zu Hebammen, die den außerklinischen Bereich wegen steigender Haftpflichtprämien verlassen mussten, und die seit Jahren hohen Versicherungsbeiträge für freiberufliche Geburtshelfer:innen.

Wer in Deutschland heute eine Hausgeburt anbietet, bewegt sich in einem versicherungstechnisch teuren, rechtlich anspruchsvollen Umfeld. Das erklärt, warum die St. Elisabeth Gruppe im FAQ zwar theoretisch noch auf das „Herz“ der Wanne-Eickler:innen verweist, in der Praxis aber davon ausgeht, dass Geburten künftig in der Klinik stattfinden werden – nur eben nicht mehr auf Wanne-Eickeler Grund und Boden.

Für schwangere Bewohner:innen Wanne-Eickels mag der Weg ins Marien Hospital Herne im Normalfall zumutbar sein. Für die Identität eines Stadtteils stellt die Entscheidung dennoch eine Zäsur dar. Denn sie nimmt künftigen Generationen die Möglichkeit, überhaupt noch physisch „in Wanne-Eickel“ geboren zu werden. Die oft bemühte Formel, man sei Wanne-Eickeler:in „im Herzen“, ist im Kern ein Eingeständnis: Man räumt ein, dass es vor Ort nichts mehr gibt, was dieses Bekenntnis im Alltag materialisiert.

Im verfassungsrechtlichen Diskurs ist viel von „gleichwertigen Lebensverhältnissen“ die Rede, die Bund und Länder herstellen sollen, wie es das Grundgesetz (GG) anlegt.

Gleichwertig heißt nicht identisch, aber es heißt auch nicht, dass Stadtteile mit historischer Identität schrittweise von der Daseinsvorsorge abgekoppelt werden, während man zugleich mit ihrer Marke wirbt – sei es für Pflegeangebote, für Ausbildungsplätze oder für Immobilienprojekte. Wer sich die Außendarstellung des Konzerns ansieht, erkennt schnell, wie sehr die St. Elisabeth Gruppe von ihrem dicht gewobenen Netz in Herne und Witten profitiert, von der Pflege bis zur hochspezialisierten Medizin.

In diesem Licht wirkt die Schließung der Geburtshilfe in Wanne-Eickel weniger wie eine alternativlose Notwendigkeit als wie eine strategische Portfolio-Entscheidung eines kirchlichen Gesundheitskonzerns: Hochrentable Leistungsbereiche werden gestärkt und konzentriert, emotionale Verluste werden mit PR-Formeln abgefedert. Wer verstehen will, wie Gesundheitskonzerne ticken, kann das nicht nur in Geschäftsberichten nachlesen, sondern auch im Feuilleton: Der Kassensturz über die St. Elisabeth Gruppe beschreibt sehr klar, dass es dem Unternehmen erklärtermaßen darum geht, Erträge zu erwirtschaften, um Investitionsfähigkeit und Beschäftigung zu sichern – nicht darum, jede historische Geburtsadresse in einem Stadtteil um jeden Preis zu erhalten.

Am Ende bleibt die Frage, wie Politik und Kirche mit dieser Gemengelage umgehen wollen. Die Stadt Herne kann formal erklären, die Versorgung sei gesichert, schließlich gäbe es weiterhin Geburtshilfe im Stadtgebiet und die Fahrzeiten seien vertretbar. Das Bistum Paderborn kann betonen, man handele wirtschaftlich verantwortlich und im Sinne einer modernen, qualitativ hochwertigen Medizin. Die St. Elisabeth Gruppe kann ihre Investitionsprojekte und ihre wirtschaftliche Stärke herausstellen – in Pressemitteilungen, auf der Website der St. Elisabeth Gruppe oder im Rahmen positiver Berichterstattung, wie sie in vielen Medien über große Klinikverbünde erscheint.

Für Wanne-Eickel bleibt dennoch eine schlichte, schwer reparierbare Tatsache: Wer ab 2030 sagt, er oder sie sei „in Wanne-Eickel geboren“, wird das in aller Regel meinen wie eine Familiengeschichte, nicht mehr wie einen konkreten Ort mit Kreißsaal, Personal und der Erinnerung an die erste Fahrt im Kinderwagen durch die eigene Stadt. Dass eine Entscheidung von solcher Symbolkraft weitgehend im Schatten von Krankenhausplanung, Finanzanalysen und kirchlichem Gesellschaftsrecht getroffen wurde, ist vielleicht der eigentliche Skandal – weniger laut als eine Schlagzeile, aber nachhaltig.

Und wer sich fragt, ob das alles nur sentimentale Nostalgie ist, mag daran erinnert werden, dass der Name Wanne-Eickel selbst dann noch Konflikte auslöst, wenn es „nur“ um Bahnhofsbezeichnungen geht. Ein Bericht der WAZ zum neuen Namen des Hauptbahnhofs zeigt, wie hart umstritten bereits die Hinzufügung von „Herne“ vor „Wanne-Eickel“ ist. Wer ernsthaft glaubt, man könne in diesem Klima die letzte Geburtshilfe eines Stadtteils ohne breite, transparente Debatte „neu aufstellen“, unterschätzt die politische Sprengkraft der Frage, wo ein Mensch geboren wird – und was das mit Heimat zu tun hat.

Wer tiefer einsteigen will, findet in nüchternen Quellen die Fakten hinter dieser Entwicklung: vom historischen Überblick im Wikipedia-Eintrag Wanne-Eickel über die Besitz- und Finanzstruktur der St. Elisabeth Gruppe bis hin zu Analysen der Krankenhauslandschaft in Nordrhein-Westfalen. Wer verstehen will, warum Hausgeburten als theoretische Alternative oft ausfallen, muss sich mit Haftpflichtprämien und Sicherstellungszuschlägen für Hebammen beschäftigen – Themen, die das Bundesgesundheitsministerium und der Deutsche Hebammenverband seit Jahren ausführlich dokumentieren.

Und wer wissen möchte, wie andere mit Schwangerschaft und Geburt umgehen, kann sich nicht nur fachlich weiterbilden, sondern auch ganz banal Ratgeberliteratur lesen – etwa „Hebammen-Wissen ganz natürlich“ auf Amazon. Dass all diese Quellen in der Debatte um die Zukunft der Geburtshilfe in Wanne-Eickel bislang kaum sichtbar sind, ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Kommunikation, die lieber beruhigt als diskutiert.

Wer dagegen die Perspektive einer Stadtgesellschaft sucht, findet sie eher in unabhängigen Medien und lokalen Diskussionen – und hoffentlich auch in der Rubrik Politik bei SN SONNTAGSNACHRICHTEN, die solche Entwicklungen einordnet, statt sie nur nachzuerzählen. Hier ist der Ort, an dem die Frage gestellt werden darf, ob es wirklich alternativlos ist, dass 2030 der letzte Wanne-Eickler im Kreißsaal geboren wird.

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Stefan Budde-Siegel

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