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Stolpersteine in Herne: Zwei Steine für Mimmi und August Schuster (KPD) sind verlegt

Stolpersteine in Herne erinnern an Verfolgung, Haft und Tod – und bleiben bewusst im Alltag

Stefan Budde-Siegel von Stefan Budde-Siegel
21.02.2026
Lesezeit: 4 Minuten.
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Zwei Stolpersteine in Herne für Wilhelmine „Mimmi“ Schuster und August Schuster, im Gehweg verlegt und mit roter Rose – Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus an der Altenhöfener Straße 47 in Herne.

Bildnachweis/Rechtekette: Symbolbild: © 2026 SN SONNTAGSNACHRICHTEN

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Butzbach/Dortmund/Hamm/Herne/Ravensbrück. [sn] Am 21.02.2026 sind in Herne zwei Stolpersteine verlegt worden, beide am letzten freiwilligen Wohnort der Familie, Altenhöfener Straße 47: einer für Wilhelmine „Mimmi“ Schuster, einer für Carl August Schuster. Die Stadt hatte den Termin vorab öffentlich angekündigt; in der lokalen Berichterstattung wurde er als Teil einer Reihe weiterer Verlegungen im Februar eingeordnet. Stolpersteine sind absichtlich unspektakulär: keine Anlage, kein „Gedenkort“ mit Abstand, sondern Messing im Gehweg, direkt dort, wo ein Leben einmal normal war und dann politisch markiert, durchsucht, zerschlagen wurde. Wer die Grundidee des Projekts nachlesen will, findet sie bei der Projektseite von Gunter Demnig: Stolpersteine.eu – Projekt von Gunter Demnig. Für den kurzen Überblick, ohne kommunale Pressebrille, eignet sich außerdem: Wikipedia – Liste der Stolpersteine in Herne.

Leben vor der Verfolgung: Arbeit, Familie, kommunale Politik – und eine Adresse, die geblieben ist

Carl August Schuster wurde am 01.04.1887 in Herne geboren (Vödestraße). Nach der Volksschule ging er in den Bergbau, zunächst auf der Zeche Constantin 4/5. 1924 trat er der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei und wurde im selben Jahr in das Stadtparlament von Herne gewählt. 1929 arbeitete er als Hauer auf der Zeche Shamrock 1/2; seine Kolleg:innen wählten ihn in den Betriebsrat. Das Programm betont ausdrücklich, dass sein Leben nicht nur aus Politik bestand: Wenn die politische Arbeit Zeit ließ, war er ein leidenschaftlicher Hobbyvogelkundler. Er konnte Vogelstimmen nachahmen und erklärte Kindern – insbesondere der Tochter Erna – die Eigenheiten verschiedener Vogelarten. Das ist kein nebensächlicher „Charakterzug“, sondern zeigt eine Normalität, die das Regime später systematisch zerstörte. Wilhelmine „Mimmi“ Schuster, geborene Klopoteck, wurde am 11.01.1893 in Herne geboren (Stammstraße). Nach der Volksschule erlernte sie den Beruf der Schneiderin und war früh Mitglied der Naturfreundejugend. Das Ehepaar heiratete am 28.06.1912. Zwei Kinder, Klara und Friedrich, starben 1912 und 1917 im Säuglingsalter; Tochter Erna wurde am 19.10.1914 in Herne geboren. Die Familie wohnte an der Altenhöfener Straße 47 – genau dort liegen jetzt die beiden Steine. Mimmi trat 1925 der KPD bei, rückte im Sommer 1932 als Stadtverordnete in den Rat der Stadt Herne nach, führte den Haushalt, nähte für Nachbar:innen und Freund:innen und trug nebenher die Frauenzeitung „Die Kämpferin“ aus. In der Summe ergibt sich ein Bild, das man in einem Satz zusammenfassen kann: politisch aktiv, sozial eingebunden, handwerklich eigenständig – und damit für die Nationalsozialist:innen gleich mehrfach „verdächtig“.

Der Bruch ab 1933: Illegalität, Massenprozess, Haftwege – und das Ende in Butzbach und Ravensbrück

Der Bruch kam 1933 nicht schleichend, sondern abrupt: Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialist:innen wurde August Schuster als Betriebsrat fristlos gekündigt und – wie viele Antifaschist:innen – gezielt in Erwerbslosigkeit gedrängt. Beide setzten, der Gefahr bewusst, ihre politische Arbeit illegal fort. Das Programm beschreibt häufige, rabiat durchgeführte Hausdurchsuchungen in der Altenhöfener Straße 47. Im September 1933 wurde August Schuster demnach als Leiter eines illegalen KPD-Unterbezirks Herne eingesetzt; die nationalsozialistische Justiz bezeichnete ihn später als „geistiges Haupt der illegalen Tätigkeit in Herne“. Unterstützt von Mimmi knüpfte er ein Netz, das über Herne und Wanne-Eickel hinausging: geheime Versammlungen und Treffpunkte, Mitgliedsbeiträge, Herstellung und Verteilung von Schriften, Kontakt zur übergeordneten Bezirksleitung. Ende 1934 flog die Gruppe auf. Es folgte ein Massenprozess mit 85 Angeklagten; im Mai 1935 wurden 41 Personen durch das Oberlandesgericht (OLG) Hamm wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt. August erhielt 15 Jahre Zuchthaus, Mimmi 6 Jahre. Für beide begann – getrennt – eine Odyssee durch Haftanstalten. Tochter Erna kam laut Programm in Herne bei einem Milchbauern unter, bei dem sie als junge Frau „in Stellung“ war. Diese Information ist wichtig, weil sie zeigt: Verfolgung traf nicht nur die Verurteilten, sondern riss die Familienstruktur praktisch auseinander. Mimmi wurde am 11.05.1941 aus dem Zuchthaus Dreibergen-Bützow entlassen, blieb aber keineswegs „frei“. Sie musste sich wöchentlich im Polizeipräsidium am Rathaus melden, lebte in Horsthausen in einer kleinen Wohnstube an der Werderstraße 68 und wurde zur Schwerstarbeit in der Kohlenwäsche der Zeche Friedrich-der-Grosse 1/2 eingesetzt – gemeinsam mit Zwangsarbeiterinnen. Das Programm beschreibt ausdrücklich die ständige Angst vor erneuter Verhaftung und die Sorge um August, zu dem jede Verbindung fehlte. Der zweite Zugriff kam 1944: Am 12.09.1944 wurde Mimmi im Rahmen der sogenannten „Aktion Gewitter“ von der Geheime Staatspolizei (Gestapo) verhaftet, über das Polizeigefängnis Herne in die Dortmunder „Steinwache“ verschleppt und am 15.09.1944 in das Konzentrationslager Ravensbrück transportiert. August Schuster starb nach neun Jahren Haft am 22.12.1944 im Zuchthaus Butzbach „unter ungeklärten Umständen“. Mimmi starb am 13.02.1945 im Konzentrationslager, laut Programm an den Folgen von Hunger und Typhus. Die Tochter wartete vergebens auf die Rückkehr der Eltern und hatte nicht einmal ein Grab, an dem sie trauern konnte. Nur wenige Wochen später wurde Herne von den Nationalsozialist:innen befreit. Wer die nüchterne Einordnung als Buchzugang sucht, findet einen einschlägigen Titel hier: Amazon – „Stolpersteine: Gunter Demnig und sein Projekt“. Und weil es in Herne nicht bei „Symbolik“ bleiben sollte: Entscheidend ist, was danach passiert – ob Steine gepflegt, Biografien weiter recherchiert, Schulprojekte getragen, Patenschaften organisiert werden. Zwei Messingtafeln ersetzen keine Auseinandersetzung, aber sie machen das Wegsehen an Altenhöfener Straße 47 schwerer.

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Stefan Budde-Siegel (* 1971) schreibt u. a. für die SN SONNTAGSNACHRICHTEN, verschiedene Blogs und Fachzeitschriften zu Recht, Verwaltung, Architektur, Brandschutz und sicherheitsrelevanten Themen. Er arbeitet redaktionell, fachlich und technisch an der Schnittstelle von Praxis, Behördenumfeld und öffentlicher Kommunikation. Seine Beiträge konzentrieren sich auf nachvollziehbare Einordnung, dokumentierte Sachverhalte und eine klare, verständliche Darstellung komplexer Zusammenhänge. WHATSAPP | TELEFON | E-MAIL

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