Berlin/Herne/München/Wanne-Eickel/Wiesbaden. [sn] Die jüngsten Enthüllungen über die NS-Vergangenheit prominenter Filmschaffender und die Aberkennung von Ehrungen durch die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e. V. (SPIO) werfen ein grelles Licht auf die Namenspatronate öffentlicher Plätze. Während in Essen, Gladbeck und Herne bereits die Umbenennung von Flächen, die nach dem in Ungnade gefallenen Kardinal Franz Hengsbach benannt wurden, durchgesetzt wurden, drängt sich die unumgängliche Frage auf:
Ist es nun an der Zeit, den Heinz-Rühmann-Platz in Herne ebenfalls kritisch zu beleuchten und gegebenenfalls umzubenennen?
Das Fokus-Schlüsselwort in dieser Debatte ist die NS-Verstrickung.
Ein umstrittenes Erbe in Wanne-Eickel
Der 1993 benannte Heinz-Rühmann-Platz in Wanne vor dem Hauptbahnhof erinnert an den populären Schauspieler, der in seiner Jugend einige Zeit in Wanne, einem Stadtteil von Herne, lebte, als sein Vater dort die Bahnhofswirtschaft pachtete. Die romantische Verklärung dieser „glücklich unbeschwerten Zeit“ steht nun in einem scharfen Kontrast zur jüngst aufgearbeiteten NS-Verstrickung des Künstlers.
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Eine tiefgreifende Studie des Instituts für Zeitgeschichte in München, in Auftrag gegeben von der SPIO, belegt, dass die Führungsriege und einige Preisträger:innen des Dachverbandes, darunter Rühmann, eine weitaus höhere Belastung durch ehemalige NSDAP-Mitglieder und NS-Funktionäre aufwiesen, als bisher bekannt. Als Reaktion darauf hat die SPIO ihre Ehrenmedaille abgeschafft und den Preis allen belasteten Preisträger:innen, einschließlich des Schauspielers Heinz Rühmann, postum aberkannt. Rühmann, der im Nationalsozialismus als Filmstar Karriere machte, arrangierte sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit dem Regime und ließ sich auf Druck von Joseph Goebbels von seiner jüdischen Ehefrau scheiden, um seine Karriere nicht zu gefährden. Er wurde 1940 zum „Staatsschauspieler“ ernannt und profitierte somit massiv von der nationalsozialistischen Kulturpolitik.
Die vollständige Studie zum Download finden Sie hier:
Den folgenden 14 Personen, die in der Studie als „NS-belastet“ oder „NS-konform“ eingestuft wurden, wird die SPIO-Ehrenmedaille aberkannt: August Arnold, Alfred Bauer, Aurel G. Bischoff, Willi Burth, Karl Fritz, Joachim Graßmann, Alexander Grüter, Joachim Henkel, Joachim Raffert, Leni Riefenstahl, Heinz Rühmann, Erich Stoll, Olga Tschechowa, Ludwig Waldleitner.
Die Aktenlage ist eindeutig: Ein Künstler, dessen Filmkarriere während der Diktatur auf opportunistischem Verhalten und der Distanzierung von seiner jüdischen Frau fußte, kann nicht als ein unbeschriebenes Blatt gelten. Die moralische Integrität eines Platzpatrons ist ein hohes Gut. Die Aberkennung der Ehrenmedaille durch die Filmwirtschaft ist ein unmissverständliches Signal und eine klare Verurteilung dieser Verstrickung in das Unrechtsregime. Das Festhalten am Namen in Herne wäre ein Affront gegen die historische Verantwortung.
Die Stadt Herne steht somit vor einer komplexen ethischen und politischen Entscheidung. Das Argument der lokalen Bindung, da Rühmann seine Kindheit in Wanne-Eickel verbrachte, erscheint fadenscheinig angesichts der erdrückenden Beweislast seiner Verstrickung in das NS-System.
Ein notwendiger Bruch mit verklärter Historie
Die Diskussion um den Heinz-Rühmann-Platz reiht sich ein in die bereits geführte Debatte um die Benennung von Straßen und Plätzen nach dem missbrauchsverdächtigen Kardinal Franz Hengsbach. So wurden in Essen der Kardinal-Hengsbach-Platz bereits umbenannt und auch in Herne forderten politische Fraktionen die Umbenennung der Franz-Hengsbach-Straße. Die Konsequenz, mit der die Städte Essen, Gladbeck und Herne in der Causa Hengsbach gehandelt haben, muss nun auch als Maßstab für den Umgang mit dem Erbe Rühmanns dienen. Historische Forschung muss zu Konsequenzen führen, nicht zu einem Achselzucken, das die Vergangenheit verharmlost.
Es ist eine juristisch-akademische Binsenweisheit: Öffentliche Ehrungen sollen Vorbilder würdigen. Ein Mann, dessen Handeln im Dritten Reich von opportunistischer Karriereförderung geprägt war, ist kein Vorbild für eine moderne, demokratische Gesellschaft. Die Umbenennung ist nicht nur eine kosmetische Korrektur, sondern ein substanzieller Akt der historischen Aufarbeitung. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Kommunalpolitik, die sich nicht hinter einem verklärten Bild eines populären Schauspielers verstecken darf.
Die Kosten für die Umbenennung, wie sie beispielsweise für die Anwohner:innen der Franz-Hengsbach-Straße in Herne diskutiert werden, indem die Stadt die Gebühren für neue Dokumente übernimmt, müssen hierbei nachrangig betrachtet werden. Die Symbolkraft und das politische Signal der Umbenennung wiegen schwerer als die finanziellen Aufwendungen. Wer einen öffentlichen Platz ehrt, bekennt sich zu dessen Werten.
Wir sehen hier die zynische Gleichgültigkeit des kulturellen Establishments gegenüber seiner historischen Verantwortung. Die NS-Verstrickung ist kein Bagatelldelikt, das sich mit dem Hinweis auf die schauspielerische Leistung des Populärkünstlers beiseite wischen lässt. Die Stadt Herne ist nun angehalten, die Konsequenz der SPIO, die den Preis mit Blick auf Demokratie und Verdienst neu ausrichtet, zu übernehmen. Es gilt, die Ehrungen von Personen, die das Unrecht aktiv oder passiv gestützt haben, rigoros zu beenden.
Der Heinz-Rühmann-Platz hat seinen Namen verloren.
Diese kritische Auseinandersetzung mit historisch belasteten Namensgebern eröffnet zwingend die Perspektive auf einen längst überfälligen Akt der Würdigung und des Fortschritts. In diesem Kontext drängt sich die Frage auf, ob die Stadt Herne nunmehr das Bekenntnis zu Toleranz, Offenheit und einem modernen Geschichtsverständnis manifestieren sollte, indem der Platz dem in Wanne-Eickel tief verwurzelten und bekennend schwulen Schlagersänger Jürgen Marcus gewidmet wird. Jürgen Marcus, der in den 1970er- und 1980er-Jahren als Aushängeschild und musikalischer Botschafter seiner Heimatstadt galt, verkörperte in seinen Liedern eine durch und durch positive, leidenschaftliche und kämpferische Haltung zur Liebe – eine Haltung, die im krassen Gegensatz zum opportunistischen Arrangement Rühmanns mit der nationalsozialistischen Kulturpolitik steht. Eine solche Umbenennung wäre ein unmissverständliches Signal der Wertschätzung für Bürger:innen, die mutig für ihre Identität eintreten, und zugleich ein öffentliches Bekenntnis gegen die Verklärung der NS-Zeit. Es ist eine Chance, die historische Aufarbeitung aktiv mit einem zukunftsgewandten, demokratischen und inklusiven Gedenken zu verbinden.
























