Bottrop/Gelsenkirchen/Herne. [sn] Ein ökologisches und finanzielles Trümmerfeld am Rhein-Herne-Kanal entwickelt sich zum handfesten Politikum für die Stadt Herne. Inmitten einer gigantischen illegalen Deponie im Gelsenkirchener Hafen Grimberg (in direkter Nähe zum Naturschutzgebiet Hafen Grimberg und der Ruinen vom Schloss Grimberg), die Schätzungen zufolge rund eine Million Tonnen Abfall umfasst, steht die Herner Stadtverwaltung nun massiv unter Druck. Das Umweltamt der Nachbarstadt Gelsenkirchen fordert die Rücknahme von rund 11.000 Tonnen Asche, die dem Herner Entsorgungsbetrieb zugerechnet werden. Während sich auf dem Gelände einer mittlerweile insolventen Firmenstruktur der Becker-Gruppe Berge aus Bauschutt, Schlacke und hochgiftig wirkenden Stäuben türmen, weist Herne jede Verantwortung von sich. In einem harten Antwortschreiben, das dem CORRECTIV – Recherchen für die Gesellschaft gemeinnützige GmbH vorliegt, lehnt der Herner Betrieb die Schlussfolgerung der Gelsenkirchener Behörden ab und geht zum Gegenangriff über. Man macht dem Gelsenkirchener Umweltamt schwere Vorwürfe und behauptet, die Probleme mit der Anlage im Hafen Grimberg seien dort seit Jahren bekannt gewesen. Es sei daher „verwunderlich“, dass man nun Herne für die Entsorgung heranziehen wolle. Doch diese Argumentation wirkt wie ein gefährlicher Bumerang: Wenn die Missstände an der Anlage im Hafen Grimberg tatsächlich so offensichtlich und langjährig bekannt waren, stellt sich die zwingende Frage, warum der Entsorgungsbetrieb der Stadt Herne über Jahre hinweg weiterhin tausende Tonnen Müll dorthin lieferte und somit sehenden Auges zur Entstehung dieses gigantischen Müllbergs beitrug, der nun das Grundwasser und die Gesundheit der Anwohner gefährdet.
Um die Dimensionen dieses Skandals greifbar zu machen, hilft ein Blick auf die Logistik: 11.000 Tonnen Asche und Schutt entsprechen etwa 440 bis 550 voll beladenen schweren Lastkraftwagen. Würden diese Fahrzeuge in einer Kolonne stehen, ergäbe dies eine Schlange von mehreren Kilometern Länge – beladen mit einem Gemisch, dessen chemische Zusammensetzung Anlass zur Sorge gibt. Bei Verbrennungsrückständen wie der hier gelagerten Asche muss laut Wikipedia regelmäßig mit einer Belastung durch Schwermetalle wie Blei, Cadmium und Quecksilber sowie mit Dioxinen und Furaten gerechnet werden. Diese Stoffe sind bereits in geringen Konzentrationen hochgradig toxisch. Anwohner im Gelsenkirchener Umfeld berichten seit Jahren von grauen Partikeln, die durch Wind in ihre Gärten geweht wurden. Der Staub ist nicht nur ein Ärgernis, sondern ein potenzielles Gesundheitsrisiko durch Inhalation. Trotz dieser Gefahrenlage behauptet der Herner Betrieb stur, man gehe davon aus, „dass die von uns gelieferten Abfälle ordnungsgemäß und schadlos verwertet wurden“, so die Stellungnahme gegenüber den Medien. Angesichts der Tatsache, dass die Anlagen der Bottroper Unternehmensgruppe Becker – insbesondere die AHG Aufbereitungsanlage Hafen Grimberg und die HBU Heinrich Becker Umwelttechnik – längst liquidiert sind oder im Insolvenzverfahren stecken, wirkt diese Einschätzung beinahe realitätsfern. Während die Heinrich Becker GmbH laut Handelsregister formal noch existiert, ist das operative Netzwerk um die Unternehmerpersönlichkeiten Heinrich und Jürgen Becker zusammengebrochen und hinterlässt der Allgemeinheit einen Scherbenhaufen von unvorstellbarem Ausmaß.
Juristisches Tauziehen um die Altlasten
Die Stadt Gelsenkirchen stützt ihre Forderungen auf das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG), wonach die Abfallerzeuger:innen so lange in der Verantwortung bleiben, bis der Müll nachweislich und ordnungsgemäß beseitigt wurde. Für die Herner Steuerzahler:innen könnte dies ein Millionen-Loch bedeuten. Während Gelsenkirchen für den eigenen Anteil bereits Rückstellungen in Höhe von 9,5 Millionen € plant, schweigt man in Herne bisher zu konkreten Haushaltsrisiken. Die Stadtverwaltung scheint auf Zeit zu spielen und verweist auf den Anlagenbetreiber, doch bei insolventen Firmen ist dort nichts zu holen. Das Gelände gehört der RAG AG, die zwar Räumungstitel erwirkt hat, diese aber gegen zahlungsunfähige GmbHs nicht vollstrecken kann. Inmitten dieses juristischen Dickichts müssen die Bürger:innen klären, wer für die schleppende Aufsicht und die fragwürdigen Vergabeentscheidungen gerade steht. Die SN SONNTAGSNACHRICHTEN haben die Pressestelle der Stadt Herne am 12.02.2026 mit einem detaillierten Fragenkatalog konfrontiert, um Aufklärung über die stoffliche Zusammensetzung der Aschen, die bisherigen Analysen und die drohenden Kosten für den Gebührenzahler zu erhalten. Eine Antwort steht zum jetzigen Zeitpunkt noch aus. Es bleibt zu klären, warum Kontrollmechanismen versagten und ob Warnungen von Umweltverbänden wie dem BUND ignoriert wurden, während die Müllmassen im Hafen Grimberg unaufhaltsam in die Höhe wuchsen.
Was ist das für „Asche“ – und warum ist sie so heikel?
„Asche“ klingt nach Kaminromantik. In Wahrheit reden wir bei solchen Rückständen regelmäßig über aggressive, staubige und in Teilen toxikologisch relevante Stoffgemische aus Verbrennungs- und Aufbereitungsprozessen. Entscheidend ist, welche Fraktion tatsächlich abgelagert wurde: grobkörnige Rostasche oder Schlacke verhält sich anders als feiner Filterstaub. Typischerweise werden bei der Bewertung solcher Rückstände Schwermetalle (unter anderem Blei, Cadmium, Quecksilber, Arsen, Chrom, Nickel), organische Schadstoffe wie Dioxine und Furane (PCDD/F), polychlorierte Biphenyle (PCB) sowie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe geprüft – neben Parametern wie pH-Wert, Salzgehalt (Chloride, Sulfate) und Auslaugverhalten. CORRECTIV beschreibt im konkreten Fall zudem ein jahrelang diskutiertes Staubproblem: Radlader hätten Aschen aufgewirbelt, Wind habe Partikel in Gärten der Nachbarschaft getragen; Anwohner:innen fühlten sich nicht ernst genommen. Das ist der Punkt, an dem es politisch nicht mehr um abstrakte Tonnenzahlen geht, sondern um reale Exposition: Ein trockener, feiner Stoff, der verweht, ist kein „Haufen“, sondern ein Eintragspfad – in Atemluft, Boden, Oberflächen. Wer diese Gemengelage verwaltet, muss entweder belastbare Analytik vorlegen oder ehrlich sagen, dass sie fehlt. Alles andere ist PR, aber keine Gefährdungsbewertung. Für die öffentliche Kontrolle gehört deshalb zwingend auf den Tisch, welche Deklarationsanalysen, Wiegescheine, Entsorgungsnachweise und gegebenenfalls Messprotokolle existieren – und wer sie geprüft hat.
Die Rolle der Becker-Gruppe im regionalen Entsorgungsnetz
Die Unternehmenshistorie der Heinrich Becker GmbH zeigt ein Geflecht aus Beteiligungen und Umfirmierungen, das in den 1990er Jahren als großer Player im Ruhrgebiet galt. Doch der Glanz ist verflogen. Übrig geblieben sind Aktenberge und Müllhalden. Dass die Stadt Herne trotz der laut eigenen Angaben bekannten Probleme weiterhin Geschäftsbeziehungen zu diesem Firmenkonstrukt pflegte, muss intern aufgearbeitet werden. Die Weigerung, Verantwortung für die 11.000 Tonnen Dreck zu übernehmen, könnte vor Gericht enden, wie der Fall RWE gegen Remondis zeigt, bei dem es ebenfalls um Aschen aus dem Kraftwerk Essen-Karnap geht. In diesem Verfahren steht die Stadt Gelsenkirchen bereits als Streithelferin auf der Seite der Kläger. Es ist damit zu rechnen, dass das Gelsenkirchener Umweltamt auch gegenüber der Stadt Herne nicht lockerlassen wird. Weitere Informationen zu kommunalen Themen finden Sie in unserer Rubrik Herne. Der Fall Hafen Grimberg ist ein Mahnmal für die Schattenseiten der privaten Entsorgungswirtschaft, bei der am Ende oft die Kommunen und damit die Bürger:innen für die Hinterlassenschaften profitgetriebener Unternehmen aufkommen müssen. Die Reinigung des Geländes wird Jahrzehnte dauern, während die ökologischen Folgen für den Rhein-Herne-Kanal noch gar nicht absehbar sind.
























