Herne/Wanne-Eickel. [sn] Wer die Formulierung „höchste krebsbedingte Sterblichkeit“ liest, versteht erst einmal: Alarm. Das ist menschlich, politisch praktisch – und fachlich der Punkt, an dem man aufhören muss, Schlagzeilen zu basteln, und anfangen sollte, sauber zu arbeiten. Fakt ist: Der Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) weist für 2024 für Herne die höchste krebsbedingte Sterberate unter den kreisfreien Städten aus: 345 Sterbefälle je 100.000 Einwohner:innen; landesweit liegt der Wert bei 284 je 100.000. Dass die GRÜNEN FRAKTION daraus einen Tagesordnungspunkt zur Sitzung des Ausschusses für Soziales, Arbeit, Gesundheit, Senior:innen & Integration am 18.03.2026 macht, ist legitim.
Problematisch wird es dort, wo der Antrag den Eindruck erweckt, aus dieser Zahl lasse sich bereits eine besondere lokale Ursache „ablesen“ oder jedenfalls „nahelegen“.
Genau dieses „nahelegen“ ist das rhetorische Scharnier: Man stellt ein Ranking an den Anfang, setzt einen Vergleich („ähnliche Sozialstruktur“), und öffnet damit den Deutungsraum für alles, was später politisch anschlussfähig ist – von Umwelt bis Versorgung – ohne die methodische Mindestarbeit vorher zu erledigen. So entsteht öffentlich nicht Aufklärung, sondern eine Art politischer Nebel: genug Dringlichkeit für Empörung, zu wenig Substanz für Verantwortung.
Warum der Antrag fachlich wackelt
Die Kernschwäche ist nicht, dass IT.NRW-Zahlen genannt werden – die sind eine seriöse Ausgangsquelle. Die Kernschwäche ist, dass der Antrag die Grenzen dieser Kennziffer nicht erklärt, sondern sie wie ein Beweisstück behandelt. „Sterbefälle je 100.000“ ist eine sogenannte rohe Rate. Sie ist als Signal nützlich, aber ohne Altersstandardisierung zwischen Kommunen nur bedingt vergleichbar, weil die Altersstruktur (und in der Praxis auch der Gesundheitszustand über die Lebensspanne) einen großen Teil solcher Unterschiede erklären kann. Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern Standard der Gesundheitsberichterstattung: Wer regionale Sterblichkeit vergleicht, muss methodisch prüfen, ob unterschiedliche Altersprofile den Befund treiben oder verzerren; genau dafür gibt es Standardisierungsverfahren. Wer es nachlesen will, findet das Grundprinzip verständlich dargestellt, etwa im Wikipedia-Artikel zur Standardisierung (Epidemiologie). Der zweite methodische Bruch liegt in der Fixierung auf ein einzelnes Jahr: 2024 wird als quasi abschließendes Urteil gesetzt. In der Praxis sind Einjahreswerte bei Todesursachenstatistiken anfällig für Schwankungen; eine seriöse Einordnung verlangt mindestens einen Mehrjahresvergleich (Trend), idealerweise zusätzlich eine Beurteilung der statistischen Unsicherheit. Der dritte Bruch ist die Behauptung „ähnliche Sozialstruktur“ im Vergleich zu Gelsenkirchen, aus der dann ein „neben sozialen Faktoren“ abgeleiteter Ursachenverdacht konstruiert wird. „Ähnliche Sozialstruktur“ ist ohne definierte Indikatoren kein Argument, sondern eine Behauptung im Mantel der Plausibilität. Wenn man so etwas als Grundlage benutzt, muss man offenlegen, welche Merkmale gemeint sind (Alter, Deprivation, Erwerbsstatus, Bildungsstruktur, Versorgungszugang) und wie stark sie tatsächlich übereinstimmen – sonst ist es nicht Analyse, sondern Erzählung. Und noch etwas: Krebs ist nicht „eine“ Ursache, sondern eine Vielzahl von Erkrankungen mit unterschiedlichen Risikofaktoren, unterschiedlichen zeitlichen Latenzen und sehr unterschiedlichen Bezügen zu Umwelt, Verhalten, Arbeit, Versorgung und Früherkennung. Wenn man kommunal ernsthaft Ursachen prüfen will, braucht man eine Differenzierung nach Krebsarten und – soweit möglich – Hinweise auf Diagnosestadium, Screening-Teilnahme und Versorgungswege. Ein pauschales Ranking kann das nicht leisten; es taugt höchstens als Startsignal für eine fachlich geführte Prüfung. Genau diese Disziplin fehlt im Antragstext: Man beginnt mit maximaler Dramatisierung, stellt die Methodik als spätere Leitfrage in Aussicht, und verkauft das als Verantwortungsbewusstsein. Das ist umgekehrte Reihenfolge.
Was eine seriöse kommunale Aufarbeitung leisten muss – und was Populismus ist
Eine kommunalpolitisch seriöse Linie wäre: erst Datengrundlage klären, dann Hypothesen bilden, dann Zuständigkeiten und Maßnahmen ableiten. Dazu gehört, dass die Verwaltung nicht nur „etwas sagt“, sondern belastbar beauftragt wird: Mehrjahresreihe statt Einjahreswert, möglichst altersstandardisierte Kennziffern oder eine transparente Begründung, warum sie kurzfristig nicht verfügbar sind, eine Differenzierung nach relevanten Krebsarten, und – wenn man Ursachen prüfen will – die Einbindung zuständiger Fachstellen (Gesundheitsberichterstattung, Register, Landesbehörden). Dafür gibt es etablierte Grundlagen in der Gesundheitsberichterstattung, und dafür existieren Daten- und Methodenseiten beim Robert Koch-Institut, die genau diese vorsichtige Interpretation regionaler Sterblichkeit betonen. Wenn man dagegen das politische Ziel verfolgt, Verunsicherung zu erzeugen, wählt man typischerweise den umgekehrten Weg: Man setzt eine große Zahl als „Spitze“ an den Anfang, lässt die statistischen Fußnoten weg, und reicht die methodischen Fragen erst nach, wenn die Empörung bereits produziert ist. Das ist nicht „verboten“, aber es ist ein Stil, der Vertrauen in öffentliche Gesundheitskommunikation beschädigt. Wer Herne helfen will, muss die Debatte entdramatisieren, ohne zu verharmlosen. Im Übrigen ist gerade im Ruhrgebiet die Versuchung groß, Umweltfragen als Universalantwort zu benutzen. Die können relevant sein – aber dann braucht es Mess- und Expositionsdaten, nicht nur Bauchgefühl. In Herne ist beispielsweise dokumentiert, dass die kontinuierliche PM₁₀-Messstation an der Recklinghauser Straße Anfang 2016 abgebaut wurde; seitdem wird unter anderem Stickstoffdioxid diskontinuierlich erfasst. Das ist ein Beispiel dafür, warum man sauber unterscheiden muss: Aus einer Krebssterblichkeitsrate lässt sich keine direkte Umweltursache ableiten, schon gar nicht ohne belastbare Langzeitdaten und ohne Betrachtung der zeitlichen Latenzen. Wer dennoch mit der Assoziationskette „hohe Sterblichkeit – also Umwelt“ spielt, betreibt keine Aufklärung, sondern politische Dramaturgie. Dass diese Dramaturgie medial anschlussfähig ist, zeigt die aktuelle Berichterstattung, die den IT.NRW-Befund für Herne verständlicherweise aufgreift, aber damit ebenfalls das Risiko trägt, den Unterschied zwischen Signal und Ursache zu verwischen. Eine redliche kommunalpolitische Reaktion wäre deshalb: Tagesordnung ja, aber in einem Format, das nicht anklagt, sondern prüft; nicht suggeriert, sondern definiert; nicht moralisiert, sondern methodisch führt. Wer dafür eine solide Grundlage sucht, kann sich meinetwegen auch einmal mit epidemiologischer Methodik beschäftigen, bevor die nächste Zahl zur Waffe wird – ein niedrigschwelliger Einstieg ist sogar im Buchhandel zu haben, etwa mit Epidemiologie für Dummies. Und weil es hier um konkrete Zahlen geht: Primärquelle bleibt IT.NRW, nicht das politische Bauchgefühl, abrufbar direkt bei IT.NRW – Todesursachen. Wer die Debatte in eine produktive Richtung lenken will, landet am Ende bei einem nüchternen Satz: Herne hat ein statistisches Warnsignal, aber noch keinen nachgewiesenen lokalen Schuldigen. Alles andere ist politisches Theater. Wer trotzdem so tut, als sei die Ursache praktisch schon gefunden, betreibt nicht Aufklärung, sondern Instrumentalisierung – und genau da beginnt der Populismus, den man im Ausschuss nicht belohnen sollte. Für die Einordnung von Gesundheitsthemen finden Sie weitere Beiträge in der Rubrik Gesundheit der SN SONNTAGSNACHRICHTEN.
























