Aachen/Herne. [sn] Die kommunale Wärmeplanung entscheidet nicht über irgendein Nebenthema der Stadtentwicklung, sondern über Milliardenfragen der künftigen Daseinsvorsorge, über Netze, Investitionen, Betriebskosten und die Richtung der lokalen Energiewende bis 2045. Gerade deshalb ist es nicht gleichgültig, wer diese Planung schreibt. In Herne hat die Stadt nach eigener Darstellung im August 2024 das Konsortium aus Trianel GmbH und greenventory GmbH mit der Erstellung des Wärmeplans beauftragt. Der Entwurf wurde vom 20.02.2026 bis zum 22.03.2026 veröffentlicht; die Verabschiedung soll fristgemäß bis zum 30.06.2026 erfolgen. Gleichzeitig ergibt sich aus den öffentlich zugänglichen Beteiligungsunterlagen, dass die Stadt Herne über ihre Beteiligungsstruktur die Stadtwerke Herne AG beherrscht und die Stadtwerke wiederum seit 01.01.2017 6,864 % der Geschäftsanteile an der Trianel GmbH halten. Damit liegt keine bloß entfernte, theoretische Berührung vor, sondern eine reale wirtschaftliche Verflechtung. Wer das kleinreden will, verkennt den Kern des Problems. Es geht nicht darum, ob diese Beteiligung eine Mehrheit vermittelt; das tut sie nicht. Es geht darum, dass der Auftragnehmer des Plans nicht als neutraler, außenstehender Dritter erscheint, sondern als Unternehmen, das in einem relevanten Teil der kommunalen Energiewirtschaft selbst wirtschaftlich eingebunden ist. Genau an dieser Stelle beginnt die Governance-Frage. Eine Wärmeplanung ist nämlich nie nur Technik. Sie bewertet Optionen, ordnet Risiken, gewichtet Kosten, beschreibt Realisierungswahrscheinlichkeiten und setzt damit politische und wirtschaftliche Leitplanken. Wenn derselbe Akteur an dieser Leitplanke mitschreibt und zugleich mittelbar an einem Teil der später begünstigten Infrastruktur beteiligt ist, entsteht jedenfalls ein struktureller Interessenkonflikt. Der muss nicht zwingend zu einer unzulässigen Verzerrung geführt haben. Er muss aber offengelegt, erklärt und methodisch abgesichert werden. In der öffentlich sichtbaren Kommunikation der Stadt geschieht das bislang nicht in der Klarheit, die bei einem solchen Projekt geboten wäre. Stattdessen wird der Plan als fachlich geordneter Transformationsprozess präsentiert, obwohl schon die äußere Konstellation Anlass genug wäre, die Unabhängigkeit der Methodik ausdrücklich darzustellen. Wer sich parallel die lokale Berichterstattung und die Unternehmensdarstellung von Trianel ansieht, erkennt rasch, dass hier jedenfalls kein Fall glasklarer institutioneller Distanz vorliegt. Das allein ist noch kein Beweis für Fehlsteuerung, aber es ist mehr als ein bloßer Schönheitsfehler. Es ist ein klassisches Governance-Thema.
Der Plan spricht nicht nur über Technik, sondern auch über ökonomische Gewinner:innen
Die eigentliche Brisanz liegt nicht schon in der Beteiligung, sondern in der inhaltlichen Stoßrichtung des Wärmeplans. Die Stadt Herne hebt auf ihrer Informationsseite selbst hervor, dass Wärmenetze in Herne bereits heute eine wichtige Rolle spielen und durch den Anschluss weiterer Gebäude sowie die Einbindung industrieller Abwärme oder Wärme aus Grubenwasser künftig noch stärker zu einer klimafreundlichen Wärmeversorgung beitragen können. Zugleich betont sie, dass das Potenzial von Luft-Wärmepumpen als nahezu unbegrenzt eingeschätzt werde und insgesamt ausreichend dezentrale Optionen für eine klimaneutrale Wärmeversorgung vorhanden seien. Eben darin liegt der entscheidende Punkt. Der Plan bewegt sich nicht in einem Feld, in dem nur eine technische Wahrheit existiert. Er gewichtet vielmehr konkurrierende Entwicklungspfade. Netze, dezentrale Wärmepumpen, Sanierungsraten, Abwärmenutzung, Flächenverfügbarkeit, Strombedarf und Wirtschaftlichkeit stehen in einem Spannungsverhältnis. Schon kleine Verschiebungen bei den Annahmen können erhebliche Folgen für die spätere Prioritätensetzung haben. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Aussage der Stadt, wonach sich der Wärmebedarf bei umfassender Sanierung theoretisch um rund 44 % reduzieren ließe, während in der Praxis das wirtschaftlich realisierbare Potenzial geringer angesetzt werde. Das ist sachlich nachvollziehbar, aber politisch und wirtschaftlich hoch relevant. Denn je niedriger die praktisch unterstellte Sanierungsdynamik ausfällt, desto stärker wächst der Bedarf an leitungsgebundenen Lösungen. Wer an Netzstrukturen wirtschaftlich partizipiert, hat damit jedenfalls keinen Anreiz, das dezentrale und sanierungsgetriebene Gegenmodell allzu offensiv großzurechnen. Noch einmal: Das belegt keine Manipulation. Es zeigt aber, warum der Hinweis auf die Verflechtung keine Kleinlichkeit ist. Ein solcher Plan beeinflusst Investitionspfade über Jahrzehnte. Er prägt, ob Bürger:innen künftig eher in gebäudebezogene Technik investieren oder ob die politische und wirtschaftliche Debatte stärker in Richtung Wärmenetz verdichtet wird. Dass dies kein abstraktes Expert:innen-Hobby ist, sondern längst ein relevanter Markt mit erheblichem wirtschaftlichem Interesse, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass es sogar einschlägige Fachliteratur und Planungsratgeber wie Kommunale Wärmeplanung kompakt für Verwaltung, Beratung und Projektentwicklung gibt. In einem solchen Umfeld genügt es eben nicht, auf fachliche Qualität zu verweisen.
Die methodische Unabhängigkeit muss sichtbar sein. Und genau diese Sichtbarkeit fehlt in Herne bislang.
Rechtlich ist Vorsicht geboten, politisch ist die Sache trotzdem unerquicklich
Wer aus dieser Konstellation schon heute einen sicheren Rechtsverstoß ableiten will, greift zu weit. Das Wärmeplanungsgesetz ordnet die kommunale Wärmeplanung als strategische Fachplanung ein; es ist gerade kein Automatismus für einen späteren Netzanschluss und ersetzt auch keine eigenständigen Einzelentscheidungen. Ebenso folgt aus der öffentlich bekannten Beteiligung nicht von selbst, dass die Vergabe rechtswidrig gewesen wäre oder dass kartellrechtlich bereits ein Missbrauch nachweisbar vorläge. Solche Behauptungen wären derzeit nicht belastbar. Belastbar ist allerdings etwas anderes. Wenn öffentliche Stellen Planungsleistungen vergeben, ist die Vermeidung von Interessenkonflikten vergaberechtlich ein anerkannter Maßstab. Genau deshalb stellt sich hier die naheliegende Frage, ob und wie diese Verflechtung im Vergabe- und Planungsprozess geprüft, dokumentiert und neutralisiert worden ist. War sie Teil einer ausdrücklichen Risikobewertung, gab es methodische Gegenkontrollen, wurden alternative Anbieter:innen ohne vergleichbare Nähe erwogen, existieren Vermerke zu Compliance oder Befangenheit und wurde der Rat über die wirtschaftliche Nähe des Auftragnehmers zu einem kommunalen Beteiligungsunternehmen in ausreichender Deutlichkeit informiert? Solange diese Fragen offenbleiben, bleibt der Wärmeplan politisch angreifbar, selbst wenn er fachlich in weiten Teilen tragfähig sein sollte. Der eigentliche Schaden liegt dann nicht zwingend in einem rechtswidrigen Ergebnis, sondern in einem selbst erzeugten Glaubwürdigkeitsproblem. Herne hätte die Sache leicht entschärfen können, indem die Stadt die Verflechtung offen benennt, die Auswahlentscheidung nachvollziehbar dokumentiert und eine unabhängige Plausibilisierung des Plans transparent macht. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass die Öffentlichkeit die relevantesten Zusammenhänge erst aus Beteiligungsbericht, Geschäftsbericht und verstreuten Informationen zusammensuchen muss. Für ein Projekt dieser Größenordnung ist das zu wenig. Eine Stadt, die Vertrauen in ihre Transformationspolitik beansprucht, sollte sich nicht damit begnügen, formal gerade noch angreifbar zu sein. Sie sollte erkennbar sauber arbeiten und erkennbar sauber kommunizieren. Genau daran wird sich die Diskussion in Herne in den kommenden Monaten messen lassen. Weitere Beiträge aus diesem Themenfeld finden sich in der Rubrik Politik der SN SONNTAGSNACHRICHTEN.
























