Berlin/Herne. [sn] Es gibt kommunale Debatten, die wirken wie aus dem Handbuch der Ersatzhandlungen: Man nimmt ein reales, aber überschaubares Thema, lädt es moralisch auf und erklärt es zum Prüfstein der Zivilisation. Streusalz eignet sich dafür hervorragend, weil es gleichzeitig „sicher“ (Rutschgefahr) und „schädlich“ (Umweltfolgen) ist und weil jede:r im Winter eine Meinung dazu hat.
In Herne haben die Grünen den zunehmenden Salzeinsatz kritisiert und die Verwaltung soll nun prüfen, wie Bürger:innen flächendeckend sensibilisiert werden können. Das ist ungefähr so, als würde man bei einem brennenden Haus zuerst über die Schriftart der Evakuierungspläne diskutieren: nicht völlig sinnlos, aber eine bemerkenswert verschobene Priorität.
Zumal die Grundlinien längst bekannt sind: Salz ist nicht verboten, soll aber nur an besonderen Gefahrenstellen sparsam eingesetzt werden; und wer auf Gehwegen streut, bewegt sich ohnehin in einem Geflecht aus Pflichten, Zuständigkeiten und Satzungsrecht. In Herne ist der Winterdienst Teil der Straßenreinigung; die Satzung regelt unter anderem, dass bei Schnee- und Eisglätte Gehwege, Überwege und gefährliche Stellen zu bestreuen sind und dass begrünte Flächen nicht mit Salz bestreut werden dürfen. Wer wissen will, wie die Stadt ihren Winterdienst organisiert, findet bei Entsorgung Herne nicht nur die Technik und Streustufen, sondern auch die schlichte Wahrheit des Alltagsbetriebs: Streufahrzeuge, Bezirke, Priorisierung, Zeitfenster. Das ist die Ebene, auf der sich „zu viel“ oder „zu früh“ sinnvoll diskutieren ließe: anhand von Wetterlagen, Einsatzplänen, Streustufen, Kosten und Beschwerdelagen – nicht anhand eines moralisch aufgeladenen Fotos, das zwar Empörung auslöst, aber noch keine Verwaltungsrealität erklärt. Wer die Umweltschäden ernsthaft thematisieren will, kann das übrigens belastbar tun: Das Umweltbundesamt beschreibt die Schäden von Streusalz an Pflanzen, Böden, Gewässern, Bauwerken und Fahrzeugen und empfiehlt Alternativen. Nur: Wenn die politische Pointe allein lautet „Seid bitte vernünftig“, dann ist das Ergebnis regelmäßig ein Informationsflyer, ein Hinweis auf „Ersatzstoffe“ und ein Gefühl, etwas getan zu haben – während die eigentlichen Konflikte, bei denen Umweltpolitik wirklich wehtut, gern vertagt werden.
Berlin als Lehrstück: Wenn Recht, Winterdienst und Symbolik kollidieren
Wer sehen will, wie aus Streusalz ein politisches Theaterstück wird, muss nur nach Berlin schauen. Dort gilt ein grundsätzliches Verbot von Auftaumitteln, mit eng begrenzten Ausnahmen; das Land beschreibt die Rechtslage selbst und verweist auf die einschlägigen Normen. In der Wintersaison 2026 wurde der Einsatz von Salz zeitweise politisch „freigegeben“, dann juristisch kassiert: Der Naturschutzbund (NABU) Berlin meldete, das Verwaltungsgericht Berlin habe die pauschale Freigabe per Allgemeinverfügung gekippt. Parallel lief die öffentliche Debatte heiß: Medien berichteten über Glätte, Zuständigkeiten und die Frage, ob Sicherheit oder Umweltschutz „gewinnt“. Das ist das eigentliche Berlin-Lehrstück: Nicht „Streusalz ja oder nein“, sondern das Zusammenspiel aus Rechtsgrundlagen, Verwaltungspraktikabilität und politischem Aktionismus. Genau deshalb wirkt der Herner Reflex, nun „flächendeckend zu sensibilisieren“, wie der Versuch, Berlin-Drama nach Herne zu importieren – nur ohne Gerichtsbeschluss, ohne Normkonflikt und ohne die dortige Eskalationslage. Wer ernsthaft verhindern will, dass „Berliner Gas“ (im Sinne: heiße Luft, Empörungsenergie, Daueraufgeregtheit) in Herne ankommt, müsste nüchtern klären: Wo wird tatsächlich präventiv gestreut, durch wen, auf welcher Rechtsgrundlage, mit welcher Dokumentation, in welchen Streustufen und mit welchen Alternativen? Das ist Prüf- und Controllingarbeit, keine Kampagnenromantik. Und ja: Private Winterdienstpflichten werden in Herne in der Praxis häufig über Mietverträge, Hausordnungen oder Dienstleister abgewickelt; Entsorgung Herne beschreibt selbst diese Zuständigkeitskette. Wer Dienstleister:innen adressieren will, braucht also weniger moralische Appelle und mehr überprüfbare Vorgaben: Leistungsbeschreibung, Einsatzkriterien, Nachweispflichten, Vertragsstrafen bei Regelverstößen. Das ist trocken, wirkt aber.
Herne: Wo Umweltpolitik wirklich unbequem wäre und keine Placebo-Politik
Wer Umweltpolitik in Herne ernst meint, muss sich an den Entscheidungen abarbeiten, die Konflikte auslösen – nicht an einem kommunal bequem zu verwaltenden Hinweisblatt zum Streumittel. Gerade deshalb wirkt der aktuelle Eifer gegen Streusalz schief, solange bei strukturell gravierenden Eingriffen in Schutzräume kein vergleichbarer politischer Druck sichtbar wird. Ein Beispiel ist die Wohnbebauung im Landschaftsschutzgebiet (LSG) Düngelbruch: Wenn Naturschutz mehr sein soll als ein saisonales Moralthema, dann hätte der politische Schwerpunkt darauf liegen müssen, dass eine solche Bebauung gar nicht erst entsteht oder jedenfalls konsequent verhindert wird – mit klarer Haltung, kontinuierlicher Öffentlichkeit und, wo nötig, rechtlich sauberen Schritten. Ähnlich still ist es beim Schutz städtischer Baumbestände: Bei den aktuellen Fällungen im Bereich der Fabrikstraße ist kein durchschlagender Einsatz der Herner Grünen erkennbar, der den Erhalt der Bäume zur Priorität macht, obwohl genau dort die Glaubwürdigkeitsprüfung jeder „grünen“ Politik stattfindet. Und dann sind da die Dauerbrenner: wiederkehrende Veranstaltungen in Landschaftsschutzgebieten – vom Rock-Spektakulum (Stennert) im Ostbachtal bis zu Nutzungen rund um die Holperheide mitsamt Streuobstwiese – die regelmäßig zu Konflikten mit Ruhe, Arten- und Flächenschutz führen, ohne dass daraus eine spürbar wirksame Verhinderung oder jedenfalls eine konsequente Begrenzung abgeleitet wird. Vor diesem Hintergrund bekommt die Streusalz-Debatte einen Beigeschmack von Ersatzpolitik: viel Symbolik, wenig Risiko.
Die Debatte wirkt besonders schief, wenn man berücksichtigt, dass der Streusalz-Einsatz nach unserer Fotodokumentation überwiegend auf Flächen städtischer Liegenschaften erfolgt – insbesondere auf Liegenschaften der Herner Gesellschaft für Wohnungsbau mbH (HGW) durch einen Dienstleister der es besonders gut meint. Ein Foto belegt exemplarisch, dass hier nicht (nur) private Gehwege „aus dem Ruder laufen“, sondern ein Problem in städtisch verantworteten Strukturen sichtbar wird – dann ist die Kritik auch hausgemacht: Wer hier „sensibilisieren“ will, sollte zuerst die eigenen Auftraggeber- und Kontrollketten in Ordnung bringen, statt Bürger:innen zu belehren.
























