Arnsberg/Düsseldorf/Herne. [sn] Die geplante Zentrale Unterbringungseinrichtung (ZUE) an der Südstraße 48 wird öffentlich als pragmatische Entlastung verkauft: weniger Zuweisungen, weniger Druck, weniger Kosten. Das ist die Erzählung. Die SONNTAGSNACHRICHTEN haben die maßgebliche Verteilstatistik der Bezirksregierung Arnsberg zur Wohnsitzauflage (Stand 15.02.2026, Ausgangsbasis: Bestandserhebung 01.01.2026) ausgewertet – und kommen zu einem Ergebnis, das die politische Story für Herne in sich zusammenfallen lässt. Für die „kreisfreie Stadt Herne“ weist die Statistik einen Ist-Bestand von 2.541 zum 01.01.2026 aus, eine Bestandsveränderung von plus 3 und damit einen aktuellen Bestand von 2.544. Dem gegenüber steht eine Soll-Verteilung nach Integrationsschlüssel von 1.008. Herne liegt damit nicht „knapp an der Quote“, sondern massiv darüber: Die Übererfüllung bis 100 % beträgt 1.536, die Erfüllungsquote liegt bei 252,31 %. Das ist keine Fußnote, sondern die zentrale Botschaft: Herne ist in diesem System bereits so weit übererfüllt, dass die behauptete Entlastung durch eine zusätzliche Großstruktur kurzfristig kaum noch einen realen Effekt haben kann.
Wichtig ist an dieser Stelle die saubere Einordnung, damit niemand bewusst oder unbewusst zwei verschiedene Systeme durcheinanderzieht: Die hier ausgewerteten 252,31 % stammen aus der Verteilstatistik zur Wohnsitzauflage (Aufenthaltsgesetz) und beziehen sich auf anerkannte oder bereits länger aufhältige Personengruppen mit Wohnsitzbindung. Diese Quote ist nicht identisch mit der kommunalen Unterbringungs- und Zuweisungslogik nach dem Flüchtlingsaufnahmegesetz. Sie zeigt jedoch, wie weit Herne im Anerkannten-System rechnerisch über dem Soll liegt – und warum die politische Entlastungserzählung in der Herner Ausgangslage besonders kritisch geprüft werden muss. Wenn im politischen Raum in Herne pauschal von „Zuweisungen“ die Rede ist, werden dabei häufig zwei unterschiedliche Steuerungssysteme vermischt: Zum einen die Verteilwerte und Quoten im Zusammenhang mit der Wohnsitzauflage nach dem Aufenthaltsgesetz (WSA), zum anderen die kommunale Zuweisung und Aufnahmeverpflichtung nach dem Flüchtlingsaufnahmegesetz. Die folgenden Zahlen und Quoten beziehen sich ausdrücklich auf die Wohnsitzauflage und sind deshalb nicht automatisch als direkte Aussage über die kommunale Unterbringungslage zu lesen. Sie sind aber politisch hoch relevant, weil sie zeigen, dass Herne im Anerkannten-System rechnerisch weit über dem Soll liegt und die Erzählung „1.000 weniger“ in dieser Ausgangslage als Entlastungsargument erheblich an Substanz verliert.
Wer trotzdem mit „1.000 weniger“ argumentiert, muss erklären, welche Zuweisungen eigentlich noch verhindert werden sollen, wenn Herne bereits 1.536 „über Soll“ liegt. Gleichzeitig bleibt die moralische Schieflage bestehen: Das „weniger Zuweisungen“-Narrativ wird mit einer Unterbringungsform verknüpft, die Flüchtlingsschutz-Organisationen seit Jahren kritisieren, weil Massenunterkünfte Privatsphäre, Teilhabe und Schutz erschweren und Konflikte bündeln. Wer eine Grunddefinition sucht, findet sie im Wikipedia-Artikel zur Zentralen Unterbringungseinrichtung. Die entscheidende Frage ist aber nicht, wie man die Einrichtung nennt, sondern was man politisch damit legitimiert: Entlastung durch Zentralisierung statt Unterbringung im Wohnraum – und das ausgerechnet in einer Stadt, die laut offizieller Verteilstatistik längst im „Übererfüllt“-Bereich steht. Eine sozialpolitisch und links-grün begründete Zustimmung zu einer Großunterkunft muss erklären, warum sie eine Unterbringungsform akzeptiert, die Flüchtlingsschutz-Organisationen gerade wegen ihrer Bündelungswirkungen kritisieren.
Die neue Rechnung: Warum „1.000 weniger“ in Herne weitgehend leerläuft
Mit den Arnsberger Zahlen lässt sich das so erklären, dass es auch ohne Verwaltungsdeutsch verständlich bleibt:
Erstens: In der Verteilstatistik zur Wohnsitzauflage gilt für Herne aktuell ein Soll von 1.008. Wenn man nun behauptet, eine ZUE „bringe“ Herne 1.000 weniger Zuweisungen, dann entspricht das nicht 39 % oder 50 %, sondern rechnerisch fast dem gesamten Soll: 1.000 geteilt durch 1.008 ergibt rund 99,21 %, gerundet 99,2 %. Das klingt nach einer Sensation – ist es aber nicht, weil zweitens Herne nicht am Soll kratzt, sondern 1.536 darüber liegt. Und damit wird drittens klar, warum die „Entlastung“ in der aktuellen Lage verpufft: Selbst wenn man Herne gedanklich 1.000 „ersparte“ Zuweisungen gutschreibt, bliebe immer noch eine Übererfüllung von 536 (1.536 minus 1.000). Herne wäre also weiterhin über 100 %, weiterhin „zu voll“ im statistischen Sinne, weiterhin im Bereich, in dem zusätzliche Zuweisungen ohnehin nicht das wahrscheinliche Szenario sind. Kurz: Die 1.000 sind als politischer Sound gut, als Herner Realwirkung aber weitgehend eine Scheinrechnung, weil die Ausgangslage eine andere ist als in der Erzählung. Genau das ist der Kern Ihrer Kritik, jetzt sauber belegt: Die Zahl wirkt wie ein Rabatt, aber es gibt im Moment faktisch nichts mehr zu rabattieren. Das ist der Grund, weshalb man hier nicht von „Fake-News“, sondern treffender von einer Scheinrechnung, einem Trugschluss oder einer politischen Erzählung ohne Realwirkung sprechen sollte: Die Rechnung ist nicht „falsch“ im Sinn von Mathematik, sie ist falsch im Sinn von politischer Wirkung, weil sie eine Entlastung verspricht, die in der konkreten Herner Ist-Situation schon vor der ersten Baugrube verpufft.
Dazu kommt der zweite Denkfehler, der in Herne regelmäßig untergeht: Selbst wenn eine Landeseinrichtung in irgendeiner Statistik als Entlastung zählt, verschwinden die bereits hier lebenden und bei uns angekommenen Geflüchteten nicht aus dem Stadtgebiet. Wer 1.000 Personen in einer Landeseinrichtung in Herne unterbringt, hat nicht automatisch „1.000 weniger Menschen in Herne“. Entscheidend ist, ob diese 1.000 Personen zusätzlich nach Herne kommen oder ob Personen, die ohnehin im Herner Bestand enthalten sind, lediglich innerhalb Hernes anders untergebracht werden. Im zweiten Fall ändert sich die Erfüllungsquote der Wohnsitzauflage nicht, weil der Bestand gleich bleibt. Eine Erhöhung der Erfüllungsquote auf 351,59 % ergäbe sich nur dann, wenn der aktuelle Bestand von 2.544 tatsächlich um 1.000 auf 3.544 anwächst.
Und genau diese Bündelung ist seit Jahren Gegenstand scharfer Kritik, weil sie die betroffenen Menschen strukturell schlechter stellt. PRO ASYL hat diese Kritik (auch zugespitzt) öffentlich dokumentiert und warnt seit langem vor den Folgen von Massenunterbringung. PRO ASYL: Massenunterkünfte leisten Gewaltausbrüchen Vorschub. Wer die lokale Debatte nachvollziehen will, findet zudem in der regionalen Berichterstattung und in Stellungnahmen vor Ort den wiederkehrenden Kernkonflikt „dezentral statt Masse“; der Punkt ist nicht, ob Kritik existiert, sondern ob Politik die Kritik ernst nimmt, wenn sie gleichzeitig eine Großstruktur ausbaut.
Und Drittens wirkt die Darstellung von Seiten des Oberbürgermeisters und der Stadtverwaltung als großer Wurf eher nach einer Milchmädchenrechnung für Herne. Das gilt jedenfalls dann, wenn man den behaupteten „Zähl-Effekt“ so verkauft, als ließe er die reale Herner Lage verschwinden. Selbst im günstigen Szenario, in dem 1.000 zusätzliche Personen nach Herne kommen und im WSA-Bestand landen, wäre das Ergebnis zwar rechnerisch eindeutig, politisch aber unerquicklich: Die Erfüllungsquote würde auf 351,59 % steigen. Im realistischeren Szenario, in dem Menschen, die ohnehin bereits dem Herner Bestand zugerechnet werden, lediglich innerhalb Hernes in eine Landeseinrichtung verlegt werden, bleibt die Quote dagegen unverändert – und die „Entlastung“ ist dann erst recht nur eine Erzählung, nicht eine Wirkung.
Politische Aufarbeitung: Die 252,31 % sind keine Randnotiz
Politisch wird man an der entscheidenden Frage nicht vorbeikommen: Warum weist Herne in der amtlichen Verteilstatistik zur Wohnsitzauflage eine Erfüllungsquote von 252,31 % aus, also eine Übererfüllung von 1.536 Personen gegenüber dem Soll? Das ist kein Schönheitsfehler, sondern ein Befund, der nach Erklärung verlangt – schon aus Gründen der Transparenz gegenüber Bürger:innen, aber auch gegenüber den betroffenen Menschen, deren Lebensrealität hinter solchen Kennzahlen verschwindet. In den nächsten Ratssitzungen wird die Stadtspitze dazu Rede und Antwort stehen müssen, denn es ist naheliegend, dass mindestens eine Fraktion die Ursachen und die Rechenwege auf die Tagesordnung bringt: Welche Bestandsdefinitionen wurden herangezogen, welche Meldewege und Stichtage sind maßgeblich, welche Effekte entstehen durch landeseigene Unterbringung, Abgänge oder Statuswechsel, und welche Konsequenzen zieht die Verwaltung daraus für die künftige Unterbringungsstrategie? Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, wirkt jede Debatte über eine weitere Großunterkunft wie Politik im Blindflug – und genau das kann sich eine Stadt weder sozial noch haushalterisch leisten. Die Bürger:innen wollen Antworten von der Politik und den Verantwortlichen für diese Unklarheit, die in der Stadt längst Vertrauen kostet.
Der eigentliche Skandal ist die Logik: Entlastung wird mit Lagerlogik erkauft
Damit sind wir bei der politischen Zumutung, die Sie ausdrücklich adressiert haben: Wie kann ein SPD-geführtes Rathaus, wie können Mehrheiten mit Beteiligung progressiver Kräfte eine Unterbringungsform mittragen, die in der Flüchtlingshilfe seit Jahren als problematisch gilt – und das in einer Lage, in der die offizielle Verteilstatistik Herne ohnehin bei 252,31 % führt? Die Antwort „weil Herne pleite ist“ erklärt vieles, rechtfertigt aber wenig. Denn selbst wenn man die fiskalische Perspektive akzeptiert, bleibt der doppelte Schaden: Für die betroffenen Menschen bedeutet Massenunterbringung regelmäßig weniger Privatsphäre, weniger Normalität, mehr Abhängigkeit. Für Anwohner:innen bedeutet eine große Einrichtung eine dauerhafte Veränderung des Umfelds, zusätzliche Konflikt- und Sicherheitsdebatten, ein ständiges Grundrauschen – unabhängig davon, ob dieses Grundrauschen objektiv begründet ist oder politisch angeheizt wird. Und für Herne als Stadtpolitik ist es ein Eigentor, wenn man Entlastung verkauft, die nach amtlicher Ausgangslage kaum noch real zu heben ist. Wer investigative Klarheit will, muss deshalb zwei Dinge auseinanderhalten: Die Verwaltung kann formal korrekt sagen, dass Landesunterbringung in Systemen angerechnet wird und Kommunen entlasten kann. Gleichzeitig zeigt gerade Herne, dass die konkrete Ausgangslage entscheidend ist: Wenn die Stadt schon 1.536 „über Soll“ liegt, wirkt der angebliche Entlastungshebel in erster Linie als Beruhigungsnarrativ, nicht als praktischer Gewinn. Damit wird auch die Frage legitim, die Sie als Verdacht formuliert haben – allerdings sauber als Frage, nicht als Unterstellung: Wie kommt es zu dieser massiven Übererfüllung, welche Bestandsdefinitionen, welche Meldewege, welche Abgänge oder Umverteilungen stecken dahinter, und warum unterscheidet sich das Bild von anderen Kommunen, die sich in Debatten gern als „überlastet“ darstellen? Das sind überprüfbare Verwaltungsfragen, keine Stammtischparolen.
Hat die ZUE überhaupt eine Zukunft? – Aktionismus kann teuer werden
Für die Zukunftsfrage gibt es einen einfachen Prüfstein: nicht Bauchgefühl, sondern Statistik. Ob die Asylzahlen „dramatisch zurückgehen“, lässt sich am saubersten über die monatlichen Veröffentlichungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge belegen, insbesondere die PDF „Aktuelle Zahlen“ und die Meldungen „Asylzahlen“; dort ist für Januar 2026 beispielsweise ausgewiesen, dass 7.649 Erstanträge gestellt wurden. Wer einen längeren Trend will, nimmt die Gesamtjahreszahlen 2025 (BAMF-Meldung vom 12.01.2026) oder die komprimierte Einordnung der Bundeszentrale für politische Bildung, die die Rückgänge und Vergleichswerte zusammenfasst. Für den europäischen Vergleich eignet sich Eurostat (monatliche Asylantragsstatistiken), weil dort die Entwicklung nach Monaten und Mitgliedstaaten nachvollziehbar ist. Politisch heißt das für Herne: Wenn die Bundeszahlen tatsächlich sinken, wird die Begründung für zusätzliche Großkapazitäten vor Ort umso strenger zu rechtfertigen sein – erst recht, wenn Herne zugleich bereits eine Erfüllungsquote von 252,31 % ausweist und damit im System rechnerisch weit über dem Soll liegt. Der Punkt ist nicht Parteitaktik, sondern Haushalts- und Menschenpolitik: Wer mit sinkenden Zugängen eine großskalige Lagerlösung ausrollt, läuft Gefahr, am Ende vor allem Symbolik zu betreiben – teuer, konfliktträchtig und schwer mit menschenwürdiger Unterbringung zu vereinbaren. Dass die Zugangszahlen aktuell deutlich niedriger liegen als noch in den Vorjahren, ist ein politischer Befund, den die schwarz-rote Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz für sich reklamieren kann – jedenfalls stützen die BAMF-Monatszahlen diese Richtung klar. Dabei gilt: Das Lob bezieht sich auf den messbaren Trend in den amtlichen Zahlen, nicht auf eine monokausale Zuschreibung, die sich seriös kaum beweisen ließe.
Die SONNTAGSNACHRICHTEN werden diese Fragen weiter verfolgen – und zwar dort, wo es weh tut: in den Zahlen, den Zuständigkeiten und den Genehmigungsakten, nicht in Sprechblasen. Wer sich juristisch und systematisch in das Thema einlesen will, findet einen brauchbaren Einstieg über ein Standardwerk wie das ABC des Asylrechts – Internationaler Schutz. Und ja: Wenn zusätzlich – wie von der Redaktion bereits dargestellt – planungs- und baurechtliche Zweifel an der Umsetzbarkeit im Raum stehen, wird der politische Nutzen noch fraglicher. Die SONNTAGSNACHRICHTEN haben bereits erläutert, dass die Anlage planungsrechtlich und baurechtlich nicht genehmigungsfähig sei; die laufende Einordnung finden Leser:innen in dem dazugehörigen Artikel der SN SONNTAGSNACHRICHTEN.
























