Altmark/Gladbeck/Herne. [sn] Das Phänomen des kollektiven Beklagens scheint tief in der Identität der Bundesrepublik verwurzelt zu sein, wobei Deutschland in internationalen Vergleichen oft als „Jammer-Weltmeister“ tituliert wird. Trotz eines objektiv hohen Lebensstandards, der sich unter anderem in einem spitzenmäßigen Wert von 0,959 im Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen widerspiegelt, rangiert das Land in Zufriedenheitsstatistiken wie dem World Happiness Report regelmäßig weit hinter skandinavischen Nationen. Die Autorinnen Heike Abidi und Daniela Nagel analysieren in ihrem Werk „Achtsam Jammern“ die psychologischen Hintergründe dieser Diskrepanz und stellen fest, dass das ständige Klagen oft eine soziale Funktion erfüllt, jedoch bei Übermaß zur gesundheitsschädlichen Belastung mutiert. Während moderates Jammern als emotionales Ventil dienen und Stresshormone wie Cortisol regulieren kann, führt die chronische Fixierung auf das Negative zu einer neurobiologischen Verstärkung der „Jammersynapsen“ im Gehirn. In einer Gesellschaft, in der die Frage nach dem Befinden oft nur als Floskel dient, hat sich das „Ich kann nicht klagen“ als paradoxes Konzentrat an Negativität etabliert, das laut Abidi und Nagel eigentlich signalisiert: „Leider gibt es gerade nichts zum Lamentieren“. Die psychologische Forschung der Freien Universität Berlin stützt die These, dass bereits die Verwendung bestimmter Modalverben wie „müssen“ oder „sollen“ messbaren Stress im Körper auslösen kann, was die Relevanz einer achtsamen Sprache unterstreicht. Es geht den Expertinnen nicht um ein generelles Jammerverbot, das sie als „toxische Positivität“ ablehnen, sondern um die bewusste Dosierung und Adressierung des Unmuts. Ein zentrales Element ihres Konzepts ist die Übertragung der Formel des Beziehungswissenschaftlers John Gottman auf den Alltag: Um eine gesunde Balance zu wahren, sollten auf eine Klage fünf positive Interaktionen folgen, da Kritik und Negativität eine deutlich stärkere emotionale Wucht besitzen als Lob.
Die Psychologie der Negativspirale und soziale Folgen
Das Buch arbeitet heraus, dass Jammern oft als „soziales Klebemittel“ genutzt wird, um Verbindung herzustellen, insbesondere in Gruppen wie dem Kollegium oder unter Eltern, wo das gemeinsame Leid über Überlastung oder Schlafmangel Solidarität suggeriert. Doch diese Form der Kommunikation birgt die Gefahr des „Oversharing“, bei dem Mitmenschen ungefragt zu „Seelenmülleimern“ degradiert werden, was langfristig zu Einsamkeit und sozialem Rückzug führt. Besonders perfide ist das kompetitive Jammern, bei dem Gesprächsteilnehmer:innen versuchen, das Leid des Gegenübers mit der eigenen Leidensgeschichte – etwa der „schlimmeren Operation“ – zu übertrumpfen. Die Autorinnen identifizieren zudem das „Fishing for Empathy“ als Motiv, bei dem durch Klagen Aufmerksamkeit und Bestätigung erzwungen werden, ohne dass eine tatsächliche Absicht zur Problemlösung besteht. Um dieser Dynamik zu entgehen, schlägt das Werk eine „Übersetzungshilfe Jammerisch-Deutsch“ vor, die hinter Phrasen wie „Nie besuchst du mich“ das eigentliche Bedürfnis nach Nähe und das Gefühl der Einsamkeit entlarvt. Wer dauerhaft im Jammermodus verharrt, riskiert eine „Self-fulfilling Prophecy“, da der negative Fokus die Wahrnehmung so filtert, dass positive Erlebnisse kaum noch registriert werden, während jede rote Ampel als Beweis für das persönliche Pech herhalten muss. Zur praktischen Intervention im Freundeskreis oder in der Partnerschaft empfiehlt das Buch von Heike Abidi und Daniela Nagel die Nutzung von „Jammerkärtchen“, die signalisieren, wann eine Grenze überschritten ist oder wann das Gegenüber gerne weiter Trost spendet. Diese Form der Gamification kann helfen, eingefahrene Kommunikationsmuster aufzubrechen und den Austausch über Probleme wieder in einen konstruktiven Rahmen zu überführen.
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Zwischen echtem Leid und Luxusgeheul
Ein wesentlicher Aspekt der Analyse betrifft die verzerrte Wahrnehmung der Weltlage. Während die Nachrichten von Krisen und Katastrophen dominiert werden, belegen statistische Fakten langfristige Verbesserungen in Bereichen wie Lebenserwartung, Sicherheit im Straßenverkehr und globalem Lebensstandard. Der psychologische Effekt des „Nostalgiedenkens“ lässt die Vergangenheit oft rosiger erscheinen, als sie war, während kognitive Verzerrungen dafür sorgen, dass wir negative Informationen stärker gewichten und länger speichern. Heike Abidi betont, dass Aktivität einer der besten Wege zur Problemlösung ist, während Jammern eine rein passive „Leideform“ darstellt, die keine Veränderung bewirkt. Das Konzept des „Jammerfastens“ wird als Methode vorgestellt, um den Fokus bewusst auf das Wesentliche und auf die Selbstwirksamkeit zu lenken. Dabei wird jedoch strikt unterschieden zwischen habituellem Meckern und klinisch relevanten Zuständen; Menschen mit Depressionen jammern oft gerade nicht, sondern leiden unter Schweigen, Rückzug und Anhedonie. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet hierzu umfassende Informationen für Betroffene und Angehörige an, um den Unterschied zwischen einer depressiven Verstimmung und einer Erkrankung zu erkennen. Das Ziel von „Achtsam Jammern“ ist die Förderung einer Resilienz, die auf dem Verständnis basiert, dass wir zwar nicht alle Umstände kontrollieren können, wohl aber unsere Reaktion darauf und die Sprache, mit der wir unser Leben beschreiben. Die Erkenntnisse der Positiven Psychologie zeigen, dass etwa 40 % unseres Glücksempfindens durch Übung beeinflusst werden können – ein Spielraum, den es durch Strategien wie das Dankbarkeitstagebuch oder das bewusste Meiden von „Energievampiren“ zu nutzen gilt. Letztendlich mahnt das Werk zur Dankbarkeit für die Privilegien in einem wohlhabenden Land, ohne dabei berechtigte Kritik an strukturellen Missständen zu unterdrücken, jedoch stets mit dem Ziel, aus der Passivität in das Handeln zu kommen.
























