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Kommentar: Heute trennt sich die Spreu vom Weizen – Bei der ZUE Herne muss der Rat Farbe bekennen

Im Rat geht es heute um Transparenz, Verantwortlichkeit und die politische Glaubwürdigkeit der Fraktionen

Stefan Budde-Siegel von Stefan Budde-Siegel
24.03.2026
Lesezeit: 5 Minuten.
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Stefan Budde-Siegel, Herausgeber und Chefredakteur der SN Sonntagsnachrichten, notiert Gedanken im Vordergrund vor der markanten, historischen Fassade des Herner Rathauses auf dem Rathausplatz in Herne.

Bildnachweis/Rechtekette: Foto: © 2026 SN SONNTAGSNACHRICHTEN

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Arnsberg/Herne. [sn] Ein Kommentar des Herausgebers der SN SONNTAGSNACHRICHTEN zur heutigen (24.03.2026) Ratssitzung:

Heute ist der Tag der politischen Ehrlichkeit. In der Ratssitzung vom 24.03.2026 wird sich zeigen, wer in Herne noch bereit ist, den Rat als demokratisches Hauptorgan ernst zu nehmen, und wer lieber so tut, als sei das alles nur ein technischer Verwaltungsvorgang. Genau das ist es nämlich nicht. Es geht um die geplante Zentrale Unterbringungseinrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen in (ZUE) Herne. Es geht um ein Vorhaben von erheblicher Tragweite. Es geht um Bürgeranträge, um parteipolitische Positionskämpfe, um die Belastbarkeit von Fraktionen und um die Frage, wie viel Selbstachtung dieser Rat noch besitzt. Vor allem aber geht es um das Verfahren. Denn selbst dort, wo man über den Sinn oder Unsinn einer solchen Einrichtung streiten kann, bleibt ein Befund kaum wegzudiskutieren:

Das politische Vorgehen rund um dieses Projekt hat den Beigeschmack eines Ablaufs, der bewusst so lange wie möglich aus dem offenen Konflikt herausgehalten worden ist.

Genau darin liegt der Kern der Sache. Nicht in einer abstrakten Debatte über Migration. Nicht in den erwartbaren moralischen Reflexen der einen oder anderen Seite. Nicht in den üblichen Sonntagsreden über Humanität, Ordnung oder Verantwortung. Der eigentliche Punkt ist schlichter und deshalb schwerer. Wer eine Angelegenheit dieser Größenordnung vorbereitet, mit Land und Bezirksregierung verhandelt und den Rat erst dann mit der Sache ernsthaft befasst, wenn das Vorhaben bereits wie eine halb fertige Realität wirkt, betreibt keinen transparenten Politikstil. Er verengt den politischen Handlungsspielraum, bevor die demokratische Auseinandersetzung überhaupt ihren vollen Raum bekommt.

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Genau das ist es, was so viele in dieser Stadt zu Recht aufbringt.

Man kann das freundlich formulieren und von einem Kommunikationsfehler sprechen. Man kann es höflich umkreisen und von einem missglückten Verfahren reden. Man kann auch die weichgespülte Version wählen und sagen, die politische Einbindung sei eben nicht optimal verlaufen. All das klingt manierlich. All das verharmlost aber den politischen Schaden. Denn der Eindruck, der hier entstanden ist, lautet nicht: Da ist etwas unglücklich gelaufen.

Der Eindruck lautet: Da wurde ein Projekt in einem Stil vorangetrieben, der den Rat eher als Störfaktor denn als ernst zu nehmende Instanz erscheinen lässt.

Und genau hier muss die Kritik scharf werden. Nicht persönlich diffamierend, nicht ehrverletzend, nicht mit dumpfen Beschimpfungen, sondern präzise. Ein Oberbürgermeister, der bei einem derart sensiblen Thema zuerst in vertraulichen Bahnen handelt und danach die politische Öffentlichkeit mit dem Hinweis abspeist, nun sei eben ein gewisser Klärungsstand erreicht, handelt politisch nicht offen, sondern kontrollierend. Er entscheidet nicht gemeinsam mit dem Rat über den Weg, sondern präsentiert dem Rat einen Weg, der bereits vorgedacht, vorverhandelt und vorgeprägt ist. Das ist kein Ausdruck von Führungskraft. Das ist ein Machtstil, der auf Steuerung setzt, wo Offenheit geboten gewesen wäre.

Dass es aus verschiedenen politischen Richtungen bereits Widerstand gibt, ist deshalb nicht überraschend, sondern folgerichtig. Aus Teilen der CDU sind ablehnende Signale erkennbar. Aus dem linken Spektrum kommt die Kritik ohnehin, weil große zentrale Unterbringungseinrichtungen seit Jahren als integrationspolitisch problematisch und menschenunwürdig angesehen werden. Diese Kritik ist nicht neu. Neu ist nur, dass sie nun in Herne mit voller Wucht auf ein Verfahren trifft, das selbst diejenigen irritiert, die sich in der Sache vielleicht beweglicher gezeigt hätten. Genau das hat der Oberbürgermeister politisch zu verantworten. Er hat aus einer schwierigen Sachfrage auch noch eine Vertrauensfrage gemacht.

Retten wir unsere Demokratie!

Ebenso unerquicklich ist die Haltung jener Kräfte, die meinen, der Hinweis auf eine bessere bauliche Unterbringung gegenüber einer Zeltlösung reiche als Rechtfertigung. Nein, das reicht nicht. Selbstverständlich ist eine feste Unterkunft besser als ein Provisorium. Daraus folgt aber noch lange nicht, dass jeder beliebige Standort, jede beliebige Größenordnung und jedes beliebige Verfahren politisch hinnehmbar wären. Wer mit diesem Einwand jede Kritik abräumen will, drückt sich um die entscheidende Frage:

Warum Herne, warum so, warum auf diese Weise?

Besonders unerquicklich wird es dort, wo sich Parteien in offenkundige Widersprüche verstricken. Wer sonst gegen große Sammelstrukturen argumentiert und nun plötzlich die Vorzüge einer zentralen Einrichtung entdeckt, sollte wenigstens den Anstand haben, den eigenen Widerspruch nicht als moralische Notwendigkeit zu verkaufen. Wer Beteiligung fordert, nachdem die wesentlichen Linien erkennbar längst gezogen worden sind, kommt ebenfalls zu spät. Wer heute gegen die ZUE stimmt, aber das vorausgegangene Verfahren nur halbherzig kritisiert, bleibt ebenfalls unvollständig. Denn diese Debatte ist längst größer als das Ja oder Nein zu einer Einrichtung. Sie ist zur Abstimmung über einen Politikstil geworden.

Und dieser Politikstil verdient eine klare Zurückweisung. Nicht, weil jede Vorabstimmung zwischen Verwaltung und anderen staatlichen Stellen illegitim wäre. Solche Gespräche gibt es selbstverständlich. Zurückzuweisen ist vielmehr die Schieflage zwischen Tragweite des Vorhabens und Qualität der politischen Einbindung. Gerade bei einem Projekt, das Nachbarschaft, Stadtklima, Integrationsfragen und kommunale Ressourcen berührt, darf ein Oberbürgermeister nicht so agieren, als sei demokratische Rückkopplung ein nachgelagerter Formalakt. Wer den Rat erst dann voll mit der Sache konfrontiert, wenn die politische Dramaturgie bereits gesetzt ist, nimmt ihm einen Teil seiner realen Gestaltungsmacht.

Und das ist der Punkt, an dem aus Kritik Empörung wird.

Deshalb ist der 24.03.2026 für den Rat ein Testfall. Heute müssen die Stadtverordneten die Hosen runterlassen. Nicht im billigen Krawallton, sondern politisch. Sie müssen sagen, ob sie bereit sind, ein Vorgehen zu decken, das in weiten Teilen der Stadt als intransparent, übergriffig und taktisch empfunden wird. Sie müssen sagen, ob sie die Rolle des Rates verteidigen oder ob sie akzeptieren, dass die maßgeblichen Gespräche anderswo laufen und das kommunale Hauptorgan am Ende nur noch die Nachbereitung übernimmt. Sie müssen sagen, ob sie den Oberbürgermeister an dieser Stelle politisch stützen oder ob sie ihm die Gefolgschaft verweigern.

Gerade deshalb reicht es nicht mehr, sich hinter allgemeinen Bekenntnissen zu verstecken. Wer zustimmt, trägt nicht nur die Einrichtung mit. Er:sie trägt auch das Verfahren mit. Wer ablehnt, lehnt nicht automatisch Schutzsuchende ab. Er:sie kann ebenso gut ein Zeichen gegen ein Vorgehen setzen, das kommunale Selbstachtung untergräbt. Diese Unterscheidung ist entscheidend. Und sie wird bleiben.

Hinzu kommt eine weitere politische Belastung. Wenn Gespräche über die ZUE schon vor der Kommunalwahl 2025 geführt worden sind, dann steht die naheliegende Frage im Raum, warum dieses Thema nicht frühzeitiger, offener und konfliktfähiger Teil der öffentlichen Auseinandersetzung geworden ist. Dasselbe gilt für andere Belastungen, die erst später deutlich benannt worden sind. Der juristisch aufgeladene Begriff der Wählertäuschung ist mit Vorsicht zu behandeln und sollte ohne gesicherte Grundlage nicht behauptet werden. Politisch aber ist der Vorwurf mangelnder Offenheit mehr als berechtigt. Auch das bleibt an diesem Verfahren hängen.

Am Ende ist die Sache deshalb klarer, als es mancher Fraktion lieb sein dürfte. Heute geht es nicht nur um eine ZUE. Heute geht es darum, ob der Rat der Stadt Herne noch den Anspruch erhebt, vor Entscheidungen eingebunden zu werden, oder ob er sich auf die Rolle eines verspätet informierten Begleitorgans reduzieren lässt. Es geht darum, ob ein Oberbürgermeister mit einem politisch schiefen Verfahren durchkommt, weil sich am Ende doch genug Hände heben. Und es geht darum, ob die Mandatsträger:innen dieser Stadt noch bereit sind, zwischen Verwaltungsmacht und demokratischer Legitimation einen Unterschied zu machen.

Die Bürger:innen werden sich daran erinnern.

Nicht an die Ausreden. Nicht an das spätere Glattziehen. Nicht an die routinierte Beschwichtigung. Sondern daran, wer an diesem Tag Haltung bewiesen hat und wer vor einem offenkundig taktischen Verfahren eingeknickt ist.

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Stefan Budde-Siegel

Stefan Budde-Siegel

Stefan Budde-Siegel (* 1971) schreibt u. a. für die SN SONNTAGSNACHRICHTEN, verschiedene Blogs und Fachzeitschriften zu Recht, Verwaltung, Architektur, Brandschutz und sicherheitsrelevanten Themen. Er arbeitet redaktionell, fachlich und technisch an der Schnittstelle von Praxis, Behördenumfeld und öffentlicher Kommunikation. Seine Beiträge konzentrieren sich auf nachvollziehbare Einordnung, dokumentierte Sachverhalte und eine klare, verständliche Darstellung komplexer Zusammenhänge. WHATSAPP | TELEFON | E-MAIL

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