Dortmund/Herne. [sn] Der Dortmunder Künstler Elias-Ben de Gesduft, künstlerisch auftretend als de Gesduft oder E. B. de Gesduft, will aus den alten Mosaiksteinen der beiden Putzmosaike im früheren Hallenbad Eickel ein neues, großformatiges Kunstwerk schaffen. Nach seiner Darstellung soll es nicht die bestehenden Arbeiten des Kunstmalers Edmund Schuitz kopieren oder museal versetzen, sondern deren Material in ein neues Bild überführen: gegen Nationalsozialismus, Nazi-Terror, Unterdrückung und für Freiheit. Der Künstler stellte den ersten Entwurf bei einem Besuch in der Redaktion vor und kündigte an, sich in den nächsten Tagen an die Stadtverwaltung Herne und den Oberbürgermeister zu wenden. Ziel sei, die Mosaiksteine vor einem möglichen Abriss des Gebäudes fachgerecht zu sichern, bevor die beiden Werke zerstört werden. Die Debatte ist nicht neu: Die beiden Putzmosaike des Künstlers Edmund Schuitz im Hallenbad Eickel stehen seit Jahren im Mittelpunkt einer Auseinandersetzung über Kunstwert, Erinnerung, Kosten, Abriss und den Umgang mit einer belasteten Künstlerbiografie. Öffentlich diskutiert wurde zuletzt erneut der Streit um die Wandmosaike; frühere Darstellungen verweisen darauf, dass die Arbeiten das mythologische Thema des Hochzeitszuges von Poseidon und Amphitrite behandeln. Die Mosaike werden in der lokalen Überlieferung als Putzmosaike beschrieben, die seit den 1950er Jahren zur Ausstattung des Hallenbades gehörten. Nach den Angaben, die de Gesduft in der Redaktion machte, soll sein neues Werk etwa 3,50 Meter mal 4,50 Meter groß werden. Er geht davon aus, dass aus beiden vorhandenen Mosaiken zusammen annähernd 60.000 Mosaiksteine gewonnen werden könnten. Diese habe er nach Farben gedanklich sortiert und für den Entwurf berücksichtigt; der gelb-goldene Anteil liege nach seiner Berechnung bei etwa 10 bis 15 %. Diese Zahlen sind bislang Angaben des Künstlers und keine bestätigten Werte. Das Motiv seines Entwurfs ist klar politisch und erinnerungskulturell angelegt: In der Mitte steht eine Freiheitsfigur, die de Gesduft an die antike Personifikation Libertas anlehnt. Streng mythologisch ist Libertas keine griechische, sondern eine römische Freiheitsgöttin; im Entwurf dient sie jedoch als allgemeines Symbol für Befreiung, Würde und Widerstand gegen Unterdrückung. Unter ihr erscheinen nach der Beschreibung des Künstlers geknechtete und unterdrückte Menschen, die sich aus der Gewalt lösen. Im oberen Bildbereich sollen Wachturm, Gefängnis, Konzentrationslager und nationalsozialistische Schergen die Täterseite und die Struktur des Terrors markieren. Das neue Bild wäre damit nicht nur ein Kunstwerk aus altem Material, sondern auch eine Umdeutung: Aus einem mythologischen Schwimmbadmotiv würde ein öffentliches Erinnerungsbild.

Alte Steine, neues Thema: Freiheit statt Verdrängung
De Gesduft versteht seinen Vorschlag als künstlerische Antwort auf die Frage, wie eine Stadt mit Kunst umgehen kann, deren Urheber biografisch belastet ist, deren Werk aber zugleich Teil der lokalen Bau- und Erinnerungsgeschichte geworden ist. Edmund Schuitz, war nach vorliegenden Angaben am 01.08.1936 der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) beigetreten; genannt wird die Mitgliedsnummer 3.744.878. Vorher soll er von 1934 bis 1936 der faschistischen Studentenvereinigung Gruppi universitari fascisti (GUF) in Rom angehört haben. In der Nachkriegszeit wurde Schuitz nach den Angaben, die der Debatte zugrunde liegen, im Entnazifizierungsverfahren zunächst als „nominal Nazi“ geführt und 1948 der Kategorie IV, also als Mitläufer, zugeordnet. Diese Einordnung macht die Sache nicht einfacher, aber gerade deshalb auch nicht erledigt. Wer die Steine schlicht unter dem Bagger verschwinden lässt, entsorgt nicht nur Material, sondern auch eine schwierige Erinnerung. Wer sie hingegen unkritisch konserviert, riskiert eine kunsthistorische Schönwaschung. Der Entwurf von de Gesduft setzt genau da an: Er will das belastete Material sichtbar weiterverwenden, aber den Aussagekern vollständig drehen. Aus Steinen, die einst Teil eines Werkes von Schuitz waren, soll ein Bild entstehen, das sich ausdrücklich gegen nationalsozialistische Herrschaft, Entmenschlichung und Freiheitsberaubung richtet. Die Stadt Herne hat mit dem Emschertal-Museum und der Städtischen Galerie im Schlosspark Strünkede eigene Orte für Kunst- und Stadtgeschichte; Informationen dazu finden sich auf der Seite der Städtischen Galerie der Stadt Herne. Ob ein neues Werk aus den alten Mosaiksteinen dort, in einem künftigen Hallenbadumfeld oder an einem anderen öffentlichen Ort Platz finden könnte, ist bislang offen. De Gesduft sprach davon, dass ein solches Bild gerade in einer Zeit wachsender Fremdenfeindlichkeit, rechtsextremer Anknüpfungen und neuer gesellschaftlicher Härten ein sichtbares Zeichen setzen könne. Das ist eine künstlerische Position, keine amtliche Planung. Sie berührt aber einen Punkt, den die bisherige Debatte nur schwer loswird: Das Hallenbad Eickel ist nicht mehr nur ein abgängiges Gebäude. Es ist durch die Mosaike, die Abrissfrage, die erinnerungspolitische Debatte und die Kritik von Kunsthistoriker:innen zu einem öffentlichen Streitfall geworden. Der Künstler schlägt nun keinen bloßen Erhalt um des Erhalts willen vor, sondern eine Transformation. Dass er dabei die alten Steine nutzen will, ist für seine Idee zentral. Neue Steine könnten ein ähnliches Bild ergeben; sie würden aber nicht dieselbe Bruchkante tragen. Gerade das wiederverwendete Material soll zeigen, dass Erinnerung nicht durch Wegwerfen entsteht, sondern durch Bearbeitung. Für handwerkliche Mosaikarbeiten wären Werkzeuge wie eine Mosaikzange nur das kleinste Problem; entscheidend wären Ausbau, Sicherung, Sortierung, Reinigung, Dokumentation, Lagerung, Entwurf, Trägerkonstruktion und spätere Montage.
Offen bleibt, wer Ausbau, Sicherung und Kosten trägt
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob die Idee künstlerisch nachvollziehbar ist. Entscheidend wird sein, ob die Stadt Herne einen Ausbau der Steine zulässt, welche Rechte zu beachten sind, wer die Arbeiten fachlich begleitet und wer die Kosten trägt. De Gesduft geht nach eigener überschlägiger Einschätzung davon aus, dass ein realistischer, denkmalgerechter Ausbau, die Sicherung und die Übertragung der vorhandenen Mosaike jeweils mehr als 200.000 € kosten könnten; bei erschwerten Bedingungen könne es teurer werden. Für beide Wandmosaike zusammen hält er eine Größenordnung von etwa einer halben Million € für möglich. Auch diese Zahlen sind bislang nicht durch ein öffentlich vorliegendes Fachgutachten bestätigt. Sie zeigen aber, warum die Debatte politisch unbequem ist: Ein vollständiger, konservatorisch sauberer Erhalt wäre teuer. Ein Abriss wäre technisch einfacher, aber erinnerungspolitisch grob. Eine künstlerische Neuverwendung könnte einen Mittelweg eröffnen, wenn sie fachlich vertretbar, rechtlich geklärt und finanziell realisierbar ist. Dabei wäre zu prüfen, ob die Steine zerstörungsarm aus dem Bestand gelöst werden können, ob Rechte der Schuitz-Erb:innen berührt sind und ob die Tochter Ingeborg Müller-Schuitz beziehungsweise weitere Rechtsnachfolger:innen einzubeziehen wären. Ebenso müsste geklärt werden, ob die Stadt als Eigentümerin des Gebäudes überhaupt bereit ist, Material abzugeben, welche Sicherungsfristen bestehen und ob vor einem Abriss eine dokumentierende Bestandsaufnahme erfolgt. Für die lokale Berichterstattung der SN SONNTAGSNACHRICHTEN in Herne ist der Vorgang auch deshalb relevant, weil er Kultur-, Bau-, Erinnerungs- und Kommunalpolitik in einem Punkt bündelt. Der Künstler will sich nach seiner Darstellung kurzfristig an die Verwaltung wenden. Erst danach wird erkennbar sein, ob sein Entwurf eine künstlerische Intervention bleibt oder ob daraus ein konkretes Verfahren werden kann. Für Herne läge darin eine Chance, die Debatte um die Hallenbad-Mosaike aus der Alternative „retten oder zerstören“ herauszuführen. Ein neues Bild aus alten Steinen würde die ursprünglichen Arbeiten nicht ersetzen und die Biografie von Edmund Schuitz nicht entschärfen. Es könnte aber sichtbar machen, dass eine Stadt belastete Geschichte nicht dadurch bewältigt, dass sie die Reste verschwinden lässt. Manchmal ist der ehrlichere Weg mühsamer: ausbauen, sichern, sortieren, neu zusammensetzen — und dann öffentlich zeigen, was aus dem alten Material geworden ist. Die Homepage des Künstlers de Gesduft finden Sie unter der URL: https://de-gesduft.art
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es bei dem neuen Kunstwerk aus den Hallenbad-Eickel-Mosaiken?
Bei dem neuen Kunstwerk aus den Hallenbad-Eickel-Mosaiken geht es nach dem Artikel um den Vorschlag des Dortmunder Künstlers Elias-Ben de Gesduft, alte Mosaiksteine aus dem früheren Hallenbad Eickel für ein neues großformatiges Bild zu verwenden. Das Werk soll nicht die bestehenden Arbeiten kopieren, sondern aus deren Material ein Freiheitsbild gegen Nationalsozialismus, Unterdrückung und Terror schaffen.
Wer ist Elias-Ben de Gesduft?
Elias-Ben de Gesduft ist ein Dortmunder Künstler, der künstlerisch als de Gesduft oder E. B. de Gesduft auftritt. Nach dem Artikel will er aus den alten Mosaiksteinen der Putzmosaike im Hallenbad Eickel ein neues Werk entwickeln. Sein Entwurf sieht eine Freiheitsfigur im Zentrum und Szenen gegen nationalsozialistischen Terror, Gefangenschaft und Unterdrückung vor.
Warum sind die Hallenbad-Eickel-Mosaike politisch und erinnerungskulturell umstritten?
Die Hallenbad-Eickel-Mosaike sind nach dem Artikel umstritten, weil sie mit dem Kunstmaler Edmund Schuitz verbunden sind, dessen Biografie als belastet beschrieben wird. Genannt werden eine Mitgliedschaft in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und eine frühere Zugehörigkeit zu einer faschistischen Studentenvereinigung in Rom. Dadurch stellt sich die Frage, ob die Mosaike erhalten, zerstört oder kritisch neu eingeordnet werden sollten.
Was soll aus den alten Mosaiksteinen des Hallenbads Eickel entstehen?
Aus den alten Mosaiksteinen des Hallenbads Eickel soll nach der Idee von de Gesduft ein etwa 3,50 m mal 4,50 m großes neues Mosaik entstehen. Im Zentrum soll eine an Libertas angelehnte Freiheitsfigur stehen. Darunter sollen geknechtete Menschen gezeigt werden, während im oberen Bildbereich Wachturm, Gefängnis, Konzentrationslager und nationalsozialistische Schergen den Terror markieren.
Welche offenen Fragen gibt es zur Rettung der Hallenbad-Eickel-Mosaike?
Offen ist nach dem Artikel vor allem, ob die Stadt Herne den Ausbau der Mosaiksteine zulässt, wer die Arbeiten fachlich begleitet und wer die Kosten trägt. Außerdem müssten Eigentumsfragen, mögliche Rechte der Schuitz-Erb:innen, Sicherung, Dokumentation, Reinigung, Lagerung und spätere Montage geklärt werden. Die vom Künstler genannten Kosten sind bislang überschlägige Angaben und nicht durch ein öffentliches Fachgutachten bestätigt.





















