Altmark/Berlin/Gladbeck/Herne. [sn] Muslimische Wähler:innen wählen überdurchschnittlich häufig Die Linke. Dieser Befund lässt sich mit Zahlen belegen. Bei der Bundestagswahl 2025 entfielen nach einer Wahltagsbefragung der Forschungsgruppe Wahlen 29 Prozent der Stimmen muslimischer Befragter auf Die Linke, 28 Prozent auf die SPD und 16 Prozent auf das Bündnis Sahra Wagenknecht. Auch ein aktueller Beitrag der Berliner Zeitung zum Wahlverhalten muslimischer Menschen griff diese Zahlen im September 2026 auf.
Damit ist zunächst beschrieben, wie die befragten Menschen gewählt haben. Nicht beantwortet ist damit die Frage, warum einzelne Wähler:innen ihre Stimme einer bestimmten Partei gegeben haben. Genau an dieser Stelle beginnt ein Problem, das in der politischen Debatte zunehmend sichtbar wird.
Die hohe Zustimmung für Die Linke unter muslimischen Wähler:innen wird mitunter mit der Haltung der Partei zu Israel und Palästina verbunden. Daraus wird teilweise eine wesentlich weitergehende Erzählung: Die Linke sei antisemitisch oder dulde antisemitische Positionen, muslimische Wähler:innen fühlten sich gerade deshalb von ihr angesprochen.
Diese Argumentation enthält mehr als eine Kritik an der Partei. Nimmt man sie wörtlich, wird damit zugleich ein bestimmtes Motiv einer religiös definierten Wähler:innengruppe zugeschrieben. Der Gedankengang lautet dann: Die Linke erhalte Unterstützung muslimischer Wähler:innen, weil beide Seiten durch antisemitische Positionen verbunden seien. Antisemitismus würde damit zum erklärenden Bindeglied zwischen Partei und Wähler:innenschaft.
Aus einem Wahlergebnis folgt noch kein Wahlmotiv
Empirisch ist dieser Schluss nicht gedeckt. Eine Nachwahl- oder Wahltagsbefragung kann feststellen, wie Personen abgestimmt haben. Daraus folgt zunächst nicht, weshalb sie so abgestimmt haben. Der Mediendienst Integration weist darauf hin, dass zur Frage der parteipolitischen Präferenzen muslimischer Wähler:innen bislang kaum Forschung vorliegt. Die vorhandenen Befragungen seien Momentaufnahmen und ließen nicht ohne Weiteres Aussagen über langfristige Parteipräferenzen zu.
Die Zahlen zur Bundestagswahl 2025 sind dennoch bemerkenswert: Die Linke erreichte unter muslimischen Befragten 29 Prozent und lag damit knapp vor der SPD. Das erklärt aber nicht das Motiv der einzelnen Wähler:innen. Wer aus dieser statistischen Verteilung ein gemeinsames antisemitisches Wahlmotiv ableitet, fügt eine Erklärung hinzu, die in der Wahlstatistik selbst nicht enthalten ist.
Damit wird aus einer messbaren Beobachtung eine nicht belegte Motivzuschreibung. Der Unterschied ist journalistisch und politisch erheblich. Die Aussage, dass 29 Prozent der befragten muslimischen Wähler:innen Die Linke gewählt haben, lässt sich anhand der Befragung prüfen. Die Aussage, sie hätten dies wegen eines vermeintlichen Antisemitismus der Partei getan, verlangt einen zusätzlichen empirischen Nachweis.
Wer muslimische Wähler:innen trotzdem als politisch einheitliche Gruppe behandelt, ersetzt individuelle politische Entscheidungen durch eine Zuschreibung aufgrund der Religionszugehörigkeit. Aus der höheren Zustimmung einer statistisch gebildeten Gruppe für eine Partei wird zunächst auf ein gemeinsames Motiv geschlossen und dieses Motiv anschließend der gesamten Gruppe zugerechnet.
Die Positionen der Linken sind selbst Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen
Auch die Behauptung, Antisemitismus sei schlicht die politische Position der Linken, bildet die dokumentierte Beschlusslage der Partei nicht ab. Der Parteivorstand erklärte am 24.05.2025 ausdrücklich, die Partei stelle sich gegen Antisemitismus und Rassismus, trete für den Schutz jüdischer Menschen ein und halte am Existenzrecht Israels fest.
Das bedeutet nicht, dass es innerhalb der Partei keine kontroversen Auseinandersetzungen über Israel, Zionismus, Antizionismus oder den Krieg im Gazastreifen gäbe. Die Partei hat solche Konflikte selbst öffentlich dokumentiert. Unterschiedliche Bewertungen ihrer Beschlüsse und einzelner Äußerungen bleiben Gegenstand politischer und gesellschaftlicher Debatten.
Gerade deshalb ist eine pauschale Gleichsetzung problematisch. Es muss zwischen der offiziellen Beschlusslage einer Partei, Äußerungen einzelner Mitglieder, innerparteilichen Strömungen und der Bewertung konkreter Aussagen unterschieden werden. Keine dieser Ebenen belegt für sich ein Wahlmotiv muslimischer Wähler:innen.
Kritik an Israel, Antizionismus und Antisemitismus sind nicht automatisch dasselbe
Politische Kritik an der israelischen Regierung ist nicht schon aufgrund ihres Gegenstands antisemitisch. Ebenso wenig ist jede antizionistische Aussage allein durch ihre Selbstbezeichnung gegen eine Prüfung auf antisemitische Inhalte immun. Ob eine konkrete Äußerung antisemitisch ist, hängt von ihrem Inhalt und Kontext ab.
Die Frage nach der Grenze zwischen Israelkritik, Antizionismus und Antisemitismus ist Gegenstand einer umfangreichen wissenschaftlichen und politischen Debatte. Einen aktuellen Beitrag dazu leistet etwa Richard Schuberths Buch „Vom Antisemitismus, der keiner sein will“, das sich ausdrücklich mit israelbezogenem Antisemitismus und der Abgrenzung zur politischen Kritik befasst.
Dasselbe gilt in umgekehrter Richtung für muslimische Wähler:innen. Eine Person kann die deutsche Nahostpolitik ablehnen, sich für palästinensische Rechte einsetzen oder die israelische Regierung scharf kritisieren, ohne deshalb antisemitische Einstellungen zu vertreten. Antisemitische Einstellungen können zugleich unabhängig von einer muslimischen Religionszugehörigkeit auftreten. Die Religionszugehörigkeit beantwortet die Frage nach dem individuellen Motiv nicht.
Die verkürzte Erklärung produziert deshalb einen grundlegenden Fehlschluss: Wird behauptet, muslimische Menschen wählten Die Linke wegen eines vermeintlich gemeinsamen Antisemitismus, wird einem sehr großen und heterogenen Personenkreis ein politisches Motiv zugeschrieben, für das die bloße Wahlentscheidung keinen Nachweis liefert.
Auch das Bild einer einheitlich konservativ-muslimischen Wähler:innenschaft trägt nicht weit
Ein weiterer Widerspruch fällt auf, wenn dieselbe Debatte auf gesellschaftspolitische Fragen ausgeweitet wird. Der Linken wird regelmäßig ihre Unterstützung für lesbische, schwule, bisexuelle, transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und queere Menschen entgegengehalten. Gleichzeitig werden muslimischen Menschen häufig pauschal konservative oder traditionelle Vorstellungen zu Geschlecht, Familie und Sexualität zugeschrieben.
Beides kann nicht ohne nähere Untersuchung als Erklärung eines einheitlichen Wahlverhaltens dienen. Politische Wahlentscheidungen entstehen nicht zwangsläufig aus vollständiger Übereinstimmung mit einem Parteiprogramm. Wähler:innen können eine Partei wegen ihrer Sozialpolitik unterstützen und einzelne gesellschaftspolitische Positionen ablehnen. Sie können außenpolitische Positionen teilen und wirtschaftspolitische Forderungen zurückweisen. Sie können Migrationspolitik höher gewichten als andere politische Felder.
Das ist kein muslimisches Sonderphänomen. Politische Parteien werden regelmäßig von Menschen gewählt, die nur einen Teil ihrer politischen Vorstellungen teilen. Wer bei muslimischen Wähler:innen aus der Parteiwahl eine gemeinsame religiöse oder weltanschauliche Motivation ableiten will, benötigt deshalb mehr als eine Statistik über abgegebene Stimmen.
Sozial- und Migrationspolitik bieten weitere mögliche Erklärungsansätze
Die Linke vertritt Positionen gegen Verschärfungen des Asyl- und Aufenthaltsrechts, gegen antimuslimischen Rassismus und für eine stärkere soziale Umverteilung. Solche Positionen können für Wähler:innen mit eigener oder familiärer Migrationserfahrung, mit Diskriminierungserfahrungen oder mit ausgeprägtem Interesse an sozialpolitischen Fragen eine Rolle spielen.
Auch daraus darf kein einheitliches Wahlmotiv konstruiert werden. Es zeigt vielmehr, dass mehrere sachlich denkbare Faktoren bestehen und die Wahlentscheidung nicht ohne empirische Grundlage auf einen einzelnen Grund reduziert werden kann.
Die Bundeszentrale für politische Bildung verweist zudem auf erhebliche Veränderungen zwischen einzelnen Wahlen. Bei der Europawahl 2024 erhielt Die Linke unter muslimischen Befragten sieben Prozent. Bei der Bundestagswahl 2025 waren es 29 Prozent. Solche Verschiebungen sprechen jedenfalls gegen die Vorstellung einer unveränderlichen parteipolitischen Bindung allein aufgrund religiöser Zugehörigkeit.
Der Mediendienst Integration ordnet die Daten entsprechend vorsichtig ein: Die Linke, das BSW und die SPD schnitten bei der Bundestagswahl unter muslimischen Wähler:innen überdurchschnittlich ab. Belastbare Aussagen über langfristige Parteibindungen lassen sich aus den vorhandenen Befragungen dagegen nur eingeschränkt ableiten.
Eine statistische Gruppe ist keine politische Persönlichkeit
Die Debatte berührt ein grundlegendes Problem politischer Zuschreibungen. „Die Muslime“ bilden keine einheitliche politische Wähler:innenschaft. Die Kategorie umfasst Menschen unterschiedlicher Herkunft, sozialer Lage, Altersgruppen, Bildungsbiografien, religiöser Bindungen und politischer Überzeugungen.
Ebenso wenig folgt aus überdurchschnittlicher Zustimmung für eine Partei, dass alle Angehörigen dieser Gruppe diese Partei wählen. Bei der Bundestagswahl 2025 entfielen nach den genannten Daten 29 Prozent der Stimmen muslimischer Befragter auf Die Linke. Die Mehrheit entschied sich demnach für andere Parteien oder andere Wahlmöglichkeiten. Schon die verkürzte Aussage „Muslime wählen die Linke“ verwandelt einen statistischen Anteil in eine Aussage über eine gesamte Religionsgruppe.
Die journalistisch interessantere Frage lautet deshalb, welche Themen für unterschiedliche muslimische Wähler:innen tatsächlich ausschlaggebend waren: soziale Sicherheit, Wohnen, Löhne, Migration, Erfahrungen mit Diskriminierung, Außenpolitik, der Krieg im Gazastreifen, Bildung oder andere politische Fragen.
Dafür braucht es Befragungen zu Motiven und politischen Prioritäten. Ein Wahlergebnis zeigt zunächst, wo eine Stimme abgegeben wurde. Warum sie dort abgegeben wurde, ist eine andere Forschungsfrage.
Wer die Zustimmung muslimischer Wähler:innen zur Linken mit einem angeblich gemeinsamen Antisemitismus erklären will, müsste deshalb genau dieses Motiv empirisch nachweisen. Die veröffentlichten Wahldaten leisten das nicht. Sie zeigen eine überdurchschnittliche Unterstützung für Die Linke. Sie zeigen nicht, dass Antisemitismus der Grund dafür war.
Die politische Debatte über Antisemitismus, Migration und Wahlverhalten gehört damit auch in die Politik-Berichterstattung der SN SONNTAGSNACHRICHTEN. Gerade bei Themen, in denen Religion, Herkunft und politische Einstellungen miteinander verbunden werden, muss zwischen überprüfbaren Wahldaten und zugeschriebenen Motiven unterschieden werden.
Die Ausgangsbehauptung sagt deshalb mehr, als die vorhandenen Daten hergeben. Wer aus der Wahlentscheidung eines Teils muslimischer Wähler:innen auf Antisemitismus als verbindendes politisches Motiv schließt, beschreibt nicht mehr nur ein Wahlergebnis. Er schreibt Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit eine politische Motivation zu, die erst noch belegt werden müsste.
Häufig gestellte Fragen
Was sagen die Wahldaten über muslimische Wähler:innen und Die Linke bei der Bundestagswahl 2025?
Bei der Bundestagswahl 2025 entfielen nach einer Wahltagsbefragung der Forschungsgruppe Wahlen 29 Prozent der Stimmen muslimischer Befragter auf Die Linke, 28 Prozent auf die SPD und 16 Prozent auf das Bündnis Sahra Wagenknecht. Die Daten zeigen damit eine überdurchschnittliche Unterstützung für Die Linke. Sie erklären jedoch nicht, aus welchen individuellen politischen Motiven die befragten Wähler:innen ihre Entscheidung trafen.
Warum belegen die Wahldaten kein antisemitisches Wahlmotiv muslimischer Wähler:innen?
Eine Wahltags- oder Nachwahlbefragung kann erfassen, welche Partei eine Person gewählt hat. Die genannten Daten enthalten jedoch keinen Nachweis dafür, dass muslimische Wähler:innen Die Linke wegen eines vermeintlichen Antisemitismus gewählt hätten. Eine solche Erklärung fügt der statistisch beobachteten Wahlentscheidung ein Motiv hinzu, das gesondert empirisch untersucht werden müsste. Nach Darstellung des Artikels liegt gerade für langfristige Parteipräferenzen muslimischer Wähler:innen bislang nur begrenzte Forschung vor.
Welche Akteur:innen und politischen Positionen spielen bei der Debatte über muslimische Wähler:innen und Die Linke eine Rolle?
Die Debatte betrifft muslimische Wähler:innen, Die Linke sowie unterschiedliche Bewertungen ihrer Israel- und Palästinapolitik. Der Parteivorstand der Linken erklärte am 24.05.2025, die Partei stelle sich gegen Antisemitismus und Rassismus, trete für den Schutz jüdischer Menschen ein und halte am Existenzrecht Israels fest. Zugleich bestehen innerhalb und außerhalb der Partei kontroverse Auseinandersetzungen über Israel, Zionismus, Antizionismus und den Krieg im Gazastreifen.
Welche Folgen hat es, muslimischen Wähler:innen ein einheitliches politisches Motiv zuzuschreiben?
Eine solche Zuschreibung behandelt eine religiös definierte und politisch heterogene Gruppe so, als verfüge sie über ein gemeinsames Wahlmotiv. Die Kategorie umfasst Menschen mit unterschiedlichen sozialen Lagen, Altersgruppen, Bildungsbiografien, religiösen Bindungen und politischen Überzeugungen. Bei der Bundestagswahl 2025 wählten nach den genannten Daten 29 Prozent der muslimischen Befragten Die Linke; die Mehrheit entschied sich demnach für andere Parteien oder andere Wahlmöglichkeiten.
Was müsste untersucht werden, um die Wahlmotive muslimischer Wähler:innen genauer zu bestimmen?
Für belastbare Aussagen über Wahlmotive wären Befragungen erforderlich, die politische Prioritäten und individuelle Beweggründe ausdrücklich untersuchen. Als mögliche Themen nennt der Artikel soziale Sicherheit, Wohnen, Löhne, Migration, Diskriminierungserfahrungen, Außenpolitik, den Krieg im Gazastreifen und Bildung. Die veröffentlichten Wahldaten zeigen, welche Parteien muslimische Befragte gewählt haben. Sie zeigen nicht, welcher dieser möglichen Faktoren für einzelne Wähler:innen tatsächlich ausschlaggebend war.
























