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Klein Eyolf: Ibsen als kalte Versuchsanordnung

Klein Eyolf in Bochum zeigt Fritz Marquardts Blick auf Schuld, Ehe und Verantwortung

Stefan Budde-Siegel von Stefan Budde-Siegel
17.03.1986
Lesezeit: 4 Minuten.
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Antikes Buch „Klein Eyolf“ von Henrik Ibsen auf Holztisch in historischer Bibliotheksatmosphäre.

Bildnachweis/Rechtekette: Symbolbild: © SN SONNTAGSNACHRICHTEN 1986

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Altmark/Bochum/Gladbeck/Herne. [sn] Henrik Ibsens spätes Drama „Klein Eyolf“ wurde am Schauspielhaus Bochum zu einer strengen Studie über Schuld, Selbsttäuschung und die Kälte bürgerlicher Beziehungen. Die Premiere fand am 21.11.1986 in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum statt; Fritz Marquardt inszenierte das Stück unter dem Titel „Eyolf“, Hedi Kriegeskotte spielte Rita Allmers, Martin Buchholz den Jungen Eyolf. Damit knüpfte die Bochumer Produktion an eine Werkgeschichte an, die Ibsens Drama bis heute als unbequemes Familien- und Verantwortungsstück ausweist. Marquardt, geprägt durch seine Arbeit in der Deutschen Demokratischen Republik und durch die Theatertraditionen des Berliner Ensembles, näherte sich dem Stoff nicht als sentimentalem Familiendrama, sondern als karger Versuchsanordnung. Alfred Allmers kehrt von einer Wanderung zurück und erklärt, fortan dem Sohn Eyolf seine ganze Aufmerksamkeit widmen zu wollen. Dieses Kind ist behindert, seit es als Kleinkind vom Wickeltisch fiel, während die Eltern mit sich selbst beschäftigt waren. Die Entscheidung des Vaters ist deshalb weniger Ausdruck neuer Zuwendung als verspäteter Selbstanklage. Rita, seine Frau, verweigert sich dieser moralischen Neuordnung. Sie will Alfred nicht mit dem Kind teilen, sondern beansprucht ihn als Liebenden. In dieser Konstellation liegt die Härte des Abends: Das Kind steht nicht im Mittelpunkt, weil es geliebt wird, sondern weil an ihm Schuld, Besitzanspruch und verdrängte Verantwortung sichtbar werden. Wer sich mit der Geschichte des Hauses befasst, findet zur Bochumer Bühne weitere Einordnungen beim Schauspielhaus Bochum; die historische Bedeutung des Theaters erklärt auch, weshalb diese Inszenierung mehr war als nur eine weitere Ibsen-Premiere. Marquardt reduzierte das Geschehen auf präzise gesetzte Körper, harte Übergänge und eine Spielweise, die psychologische Einfühlung eher verweigerte als bediente. Das Ensemble trat nicht als Sammlung einzelner Starleistungen auf, sondern als geschlossenes Gefüge, in dem Figuren wie unter Druck gesetzte Rollenmodelle wirkten. Jochen Tovote als Alfred Allmers zeigte einen Mann, dessen moralische Entschlüsse immer auch Selbstinszenierungen blieben. Hedi Kriegeskotte gab Rita nicht als bloß eifersüchtige Mutter, sondern als Frau, deren Anspruch auf Liebe rücksichtslos, klar und verletzlich zugleich erschien. Martin Buchholz spielte Eyolf nicht als rührselige Opferfigur, sondern als stumme Störung im System der Erwachsenen.

Ein Familiendrama ohne Trostformel

Nach Eyolfs Tod verschiebt sich das Stück von der Schuldfrage zur Frage, was aus den Überlebenden wird. Eyolf ertrinkt im Sund; ob die rätselhafte Rattenmamsell ihn tatsächlich ins Wasser lockte oder ob sie eher als theatrales Zeichen für Verführung, Tod und Verdrängung erscheint, bleibt bei Ibsen eine der symbolisch aufgeladenen Stellen. Marquardt nahm diesem Motiv jede gemütliche Mystik. Die Rattenmamsell, gespielt von Ulrike Schloemer, wurde nicht als Schauerfigur ausgestellt, sondern als Fremdkörper in einer Welt, die ihre eigenen Abgründe lieber rationalisieren möchte. Alfred sucht nach dem Unglück Halt bei Asta, gespielt von Hildegard Kuhlenberg. Die Beziehung zwischen beiden erhält eine zusätzliche Spannung, weil Asta nicht Alfreds leibliche Schwester ist. Der Ingenieur Borghejm, gespielt von Ivo Dolder, wird dadurch nicht nur zur Nebenfigur, sondern zum Ausweg aus einer Nähe, die sich nicht mehr harmlos familial deuten lässt. In den stärksten Momenten lag die Konzentration des Abends gerade nicht in äußerer Bewegung, sondern im Stillstand: Figuren standen sich gegenüber, redeten scheinbar über Schuld, Liebe und Pflicht, und verrieten dabei vor allem, wie wenig sie über sich selbst verfügen. Karl Kneidls Bühnenbild arbeitete mit Leere, Glätte und Distanz. Der glänzende Boden, das reduzierte Zimmer und später die eisige Bildwelt im zweiten Akt machten aus der Bühne keinen Wohnraum, sondern einen seelischen Resonanzkörper. Der Bezug zu Caspar David Friedrichs „Das Eismeer“ war dabei nicht bloße Kunstreferenz, sondern eine Setzung: Hier wurde eine Landschaft der Erstarrung gebaut, in der das Private politisch, historisch und existenziell auskühlte. Wer Ibsens Stück heute liest oder aufführen will, findet Ausgaben des Dramas auch über Henrik Ibsen Klein Eyolf; die Bochumer Inszenierung zeigte jedoch, dass der Text auf der Bühne weniger von Handlung als von moralischer Spannung lebt. Das Ende, in dem Rita und Alfred sich einem Kinderasyl zuwenden wollen, wurde nicht als einfache Erlösung behauptet. Ibsens Ausblick bleibt ungewöhnlich hell für sein Spätwerk, aber Marquardt ließ offen, ob aus Schuld wirklich Verantwortung werden kann oder ob die Fürsorge für fremde Kinder nur die nächste Form bürgerlicher Selbstberuhigung ist.

Marquardts Bochumer Zugriff

Fritz Marquardt brachte eine Handschrift nach Bochum, die nicht auf psychologische Wärme, sondern auf Distanz, Zeichenhaftigkeit und kontrollierte Überzeichnung setzte. Seine Biografie führte von ländlicher Herkunft über Kriegs- und Nachkriegserfahrungen, Arbeiter- und Bauernfakultät, Philosophiestudium und Theaterarbeit bis zu prägenden Stationen in Ost-Berlin. Am Berliner Ensemble hatte er in einem Umfeld gearbeitet, in dem Brecht nicht museal verwaltet, sondern methodisch weitergedacht wurde. Diese Herkunft war dem Bochumer „Eyolf“ anzumerken. Der Abend wollte Ibsen nicht naturalistisch nacherzählen. Er stellte die Figuren aus, ließ Gesten kantig werden, entzog dem Text manches Gefühlspolster und machte die Ehe der Allmers zu einem Kampfplatz, auf dem Liebe, Besitz, Schuld und Selbstrechtfertigung ineinandergriffen. Das konnte spröde wirken, gelegentlich auch demonstrativ. Gerade darin lag aber der konsequente Zugriff. Marquardt interessierte sich nicht für das behagliche Schauspielertheater, in dem Figuren psychologisch bequem ausgeleuchtet werden. Er suchte den Bruch, die Behauptung, das sichtbare Zeichen. Blut, Weiß, Eis, Glanz und Leere wurden zu Chiffren eines Zustands, in dem die Menschen reden, ohne einander wirklich zu erreichen. Die Bochumer Produktion stand damit auch für eine Verschiebung im Theaterverständnis des Hauses: weniger repräsentative Opulenz, weniger auf die Aura einzelner Darsteller:innen gebautes Bühnengeschehen, mehr formale Strenge und konzeptionelle Setzung. Über Theaterdebatten dieser Jahre berichteten regelmäßig Fachmedien wie Theater heute, doch die eigentliche Lesart des Abends ergab sich aus der Bühne selbst. „Klein Eyolf“ wurde in Bochum nicht als rührendes Drama um ein totes Kind erzählt, sondern als sezierender Blick auf Erwachsene, die erst durch Verlust begreifen, dass Verantwortung mehr verlangt als gute Vorsätze. In diesem Sinne bleibt die Inszenierung ein Beispiel dafür, wie Ibsens spätes Werk gegen die Erwartung an Gefühl und Erlösung gelesen werden kann. Weitere Kulturbeiträge ordnet die Redaktion in der Rubrik Kultur der SN SONNTAGSNACHRICHTEN ein.

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Stefan Budde-Siegel (* 1971) schreibt u. a. für die SN SONNTAGSNACHRICHTEN, verschiedene Blogs und Fachzeitschriften zu Recht, Verwaltung, Architektur, Brandschutz und sicherheitsrelevanten Themen. Er arbeitet redaktionell, fachlich und technisch an der Schnittstelle von Praxis, Behördenumfeld und öffentlicher Kommunikation. Seine Beiträge konzentrieren sich auf nachvollziehbare Einordnung, dokumentierte Sachverhalte und eine klare, verständliche Darstellung komplexer Zusammenhänge. WHATSAPP | TELEFON | E-MAIL

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