Herne. [sn] Städtebau à la Dudda klingt nach Aufbruch, nach Kran, nach Spatenstich, nach Zukunft. In der Praxis sieht es in Herne zu oft anders aus: viel Ankündigung, viel Etikett, viel „Machen, Machen, Machen“ — und am Ende bleibt die Frage, ob hier wirklich Stadt und damit Zukunft entwickelt wird oder nur der nächste Entwurf durch die Stadt getrieben wird, bis ein neuer Name, ein neuer Investor oder eine neue Förderrunde auf dem Tisch liegt. Das ist der Kern dieses Kommentars: Herne braucht keinen städtebaulichen Placebo-Kurs, der Bewegung vorgaukelt, während zentrale Flächen seit Jahren auf tragfähige Lösungen warten. Herne braucht bezahlbaren, energetisch guten und sozial gemischten Wohnraum. Nicht irgendwann. Jetzt. Der aktuelle Streit um das Zukunftsquartier Stadttor Ost, das Eschpark-Quartier, die geplante Lidl-Metropolfiliale an der Sodinger Straße und die berechtigte politische Forderung des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) nach deutlich mehr öffentlich gefördertem Wohnraum zeigt deshalb mehr als nur ein paar lokale Einzelprojekte. Er zeigt ein Muster. Auf dem früheren Knipping-Dorn-Gelände an der Eschstraße wurde bereits 2020 über 98 Reihenhäuser gesprochen (was natürlich städtebaulicher Unsinn war); jetzt entsteht dort ein neuer Rahmenplan mit rund 330 Wohnungen, Park, Kita und mindestens 25 % öffentlich gefördertem Wohnraum im Raum. Genau hier liegt das Problem: Wer nach Jahren der Umplanung auf innerstädtischen Flächen noch immer nur jede vierte Wohnung verbindlich sozial fördert, hat die soziale Lage Hernes nicht verstanden oder will sie politisch nicht zur Grundlage seiner Stadtentwicklung machen. Herne benötigt keine hochpreisigen Luxuswohnungen, sondern Herne ist eine Stadt mit erheblichem Bedarf an bezahlbarem Wohnraum, hohen Transferleistungsquoten, angespanntem Mietmarkt und vielen Haushalten, bei denen nicht die Dachterrasse entscheidet, sondern die Warmmiete. Städtebau ist nicht die Kunst, schöne Begriffe auf schwierige Grundstücke zu kleben. Städtebau ist die Pflicht, Boden, Dichte, Energie, Mobilität, soziale Mischung und Folgekosten zusammenzudenken. Genau daran scheitert der Dudda-Stil: Er will als Macher erscheinen, aber er setzt zu häufig auf das Bild des Machens statt auf die Disziplin des Planens.
Natürlich braucht Herne neue Wohnungen. Natürlich ist es richtig, Brachen zu entwickeln, Schrottimmobilien zu beseitigen und ehemalige Gewerbe- oder Feuerwehrflächen neu zu ordnen. Niemand, der halbwegs ernsthaft über Stadtentwicklung spricht, kann wollen, dass das Knipping-Dorn-Gelände, das alte Feuerwehrgelände oder andere innenstadtnahe Flächen weitere Jahrzehnte im Wartestand bleiben. Aber Neubau allein ist noch keine gute Stadtentwicklung. Die entscheidende Frage lautet: Für wen wird gebaut, zu welchem Preis, in welchem energetischen Standard, mit welcher Dichte und mit welchen sozialen Bindungen? Der Einwand, 25 % öffentlich geförderter Wohnraum seien immerhin ein Anfang, klingt auf den ersten Blick vernünftig. Er ist aber zu schwach, wenn öffentliche Flächen, zentrale Lagen und langfristige Stadtinteressen betroffen sind. Die BSW-Ratsgruppe Herne trifft deshalb mit ihrer Forderung nach mindestens 50 % öffentlich geförderten Wohnungen am Stadttor Ost den entscheidenden Punkt. Diese Forderung ist nicht radikal, sondern folgerichtig. Das Land Nordrhein-Westfalen ermöglicht öffentliche Wohnraumförderung; die Förderrichtlinie Öffentliches Wohnen Nordrhein-Westfalen sieht Zweckbindungen vor, die für geförderte Mietwohnungen wahlweise 25 oder 30 Jahre laufen. Wer solche Instrumente nicht offensiv nutzt, darf später nicht klagen, wenn Normalverdienende, Rentner, Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern aus neuen Quartieren faktisch herausgepreist werden. Die Stadt verweist gern auf Fördermittel und Quoten, doch eine Quote ist kein sozialpolitischer Heiligenschein. Sie ist nur so gut wie ihre Höhe, ihre Bindungsdauer, die Wohnungsgrößen, die tatsächlichen Mieten und die energetischen Folgekosten. Gerade die Nebenkosten gehören in diese Debatte. Wer die Kosten der Unterkunft senken will, muss Menschen mit geringen Einkommen Zugang zu gut gedämmten Wohnungen mit niedrigen Heiz-, Warmwasser- und Stromkosten verschaffen. Sozialer Wohnungsbau in schlecht gedachten Gebäuden ist auf Dauer kein sozialer Wohnungsbau, sondern eine verschobene Kostenrechnung. Deshalb reicht es nicht, irgendwo „gefördert“ hineinzuschreiben. Herne braucht dichte, moderne, barrierearme und energetisch starke Gebäude, idealerweise in nachhaltiger Bauweise, mit großen Familienwohnungen und echten Nachbarschaftsangeboten. Genau deshalb ist der Gedanke eines Mehrgenerationenquartiers am Stadttor Ost richtig. Familien, ältere Menschen, Alleinerziehende und Menschen mit Unterstützungsbedarf brauchen keine Prospektarchitektur, sondern gute Grundrisse, Gemeinschaftsfläche, kurze Wege, barrierefreie Wohnungen und soziale Infrastruktur. Wer sich fachlich mit Städtebau befasst, weiß: Ein Quartier wird nicht dadurch zukunftsfähig, dass es auf Visualisierungen grün aussieht. Es wird zukunftsfähig, wenn seine Dichte stimmt, seine Freiräume funktionieren, seine Mobilität nicht nur behauptet wird und seine Bewohner nicht durch den Mietpreis aussortiert wird. Ein Park am falschen Ort kann dabei genauso gut Ausdruck von Hilflosigkeit sein wie ein Qualitätsmerkmal. Gerade auf altindustriellen Flächen muss zuerst klar sein, welche Bodenbelastungen vorliegen, welche Wohnnutzungen möglich sind, wie versiegelte Flächen sinnvoll entsiegelt werden und ob ein Park dort tatsächlich Aufenthaltsqualität schafft oder nur planerisch kaschiert, was baulich nicht gelöst wird. Gegen Grün spricht nichts. Gegen Alibigrün sehr viel.
Das Zukunftsquartier Stadttor Ost zeigt denselben Fehler in anderer Form. Die Stadt schreibt einen Wettbewerb aus, aber die Frage ist, ob der Betrachtungsraum groß genug gedacht ist. Wenn gegenüber eine Lidl-Metropolfiliale entsteht, wenn an der Sodinger Straße eine Kraftfahrzeug-Werkstatt, Lidl-Einzelhandel, Spielhalle, Altenheim, ehemalige Feuerwehr, AWO-Kita und Straßenraum nebeneinanderliegen, dann reicht es nicht, das freiwerdende Gelände der Feuerwehr als hübsch gerahmtes Einzelprojekt zu behandeln. Dann muss der ganze städtebauliche Block betrachtet werden. Erst gehört ein städtebaulicher Wettbewerb her, dann ein Realisierungswettbewerb. Erst muss die Struktur geklärt werden, dann die Architektur. Alles andere ist die alte Herner Krankheit: Man behandelt Symptome, fotografiert den Verband und nennt es Heilung. Die geplante Lidl-Metropolfiliale mag flächensparender sein als ein eingeschossiger Markt mit Parkplatzwüste; Lidl beschreibt sein Konzept selbst als aufgeständerte Verkaufsfläche mit Parken im Erdgeschoss. Aber die politische Frage bleibt: Ist das an dieser Stelle wirklich die beste städtebauliche Antwort? Oder hätte die Stadt hier die Chance nutzen müssen, Wohnen, Nahversorgung, soziale Infrastruktur und Straßenraum in einem zusammenhängenden Konzept neu zu ordnen? Wer an der Sodinger Straße nur den nächsten Einzelbaustein feiert, denkt zu klein. Genau das macht den Dudda-Stil so problematisch. Er lebt von einzelnen Erfolgsmeldungen, nicht von konsequenter Stadtstruktur. Die Pleite der Fakt AG und das nicht realisierte Hotelprojekt im Shamrockpark bleiben als warnendes Beispiel im Hintergrund: Groß angekündigte Projekte sind noch keine gebaute Stadt. Auch das Kaiserquartier zeigt, wie vorsichtig Herne mit großen Versprechen umgehen muss. Es mag Nahversorgung, Wohnen und Investition bündeln; zugleich bleibt die soziale Frage, ob Grundrisse, Mieten und Zielgruppen wirklich zu Herne passen oder ob erneut ein Stück Stadt für Menschen geplant wird, die in Herne statistisch erwünscht, aber im tatsächlichen Bevölkerungsmix nicht vorgesehen sind. Der faire Gegenpunkt lautet: Eine Stadtverwaltung kann Eigentümer nicht beliebig zwingen, private Flächen sofort nach Idealplan zu entwickeln; sie muss Förderkulissen, Investitionsbereitschaft, Altlasten, Planungsrecht und Baukosten zusammenbringen. Das stimmt. Aber genau deshalb ist politische Führung mehr als das Durchschneiden roter Bänder. Sie besteht darin, frühzeitig verbindliche Leitplanken zu setzen, Grundstücke nach Konzeptqualität zu vergeben, soziale Bindungen zu erhöhen, Herner Fachkompetenz einzubeziehen und Wettbewerbe so auszugestalten, dass nicht nur schöne Bilder, sondern belastbare Stadt entstehen. Herne braucht nicht noch eine Runde Tarnen, Täuschen, Tricksen und Vorgaukeln. Herne braucht eine Stadtentwicklung, die ihre ärmsten und mittleren Einkommen nicht als störende Randgruppe behandelt. Die richtige Lehre aus Eschpark, Stadttor Ost, Kirchhofstraße und DSK-Gelände lautet daher: mindestens 50 % geförderter Wohnraum auf städtischen Schlüsselgrundstücken, lange Zweckbindungen, große Familienwohnungen, hohe energetische Standards, Holz- oder Hybridbau, echte Barrierefreiheit, transparente Miet- und Kaufpreise und Wettbewerbe, die das Umfeld mitdenken. Wer jetzt wieder nur vermarktet, was später anders gebaut wird, verschiebt die Lasten in die nächsten 30 oder 40 Jahre. Dann ist der heutige Oberbürgermeister längst nicht mehr im Amt. Die Stadt aber muss mit den Folgen leben. Genau deshalb gehört dieser Kommentar in die Rubrik Lokales Herne der SN SONNTAGSNACHRICHTEN: weil es hier nicht um Architekturgeschmack geht, sondern um die soziale Zukunft dieser Stadt.
Städtebau à la Dudda wird erst dann glaubwürdig, wenn er weniger Kulisse und mehr Verantwortung ist. Bis dahin bleibt der stärkste Satz der BSW richtig: Herne braucht bezahlbare Wohnungen.























